Kulinarische Momentaufnahmen
Wednesday, 25. February 2015 - von Ariane

Eine Liebeserklärung an Lissabon

Grau. Den ganzen Tag dieses Grau am Himmel, das alles so trostlos scheinen lässt. Und dann diese klirrende Kälte. Kurze helle Tage, lange dunkle Nächte. Eisiger Wind, der jede Ritze durchdringt.

Sehnsucht. Farbe, Wärme, frische Luft – es ist Zeit für eine Reise.

22.01.2015 Berlin – Lissabon

Unser Flieger Richtung Lissabon taucht durch eine dicke Wolkendecke in den Himmel über Berlin. Meine Hände duften nach der letzten Blutorange, die ich uns gerade gepellt habe. Die saftige Frucht ist ein leichter Vorgeschmack auf unsere Reise. 10 Tage werde ich mit meiner Freundin Luisa eine kleine portugiesische Inselgruppe mitten im Atlantik entdecken: Die Azoren.

Warum ausgerechnet die Azoren?

Luisa hat schon so ziemlich jedes europäische Land bereist. Wenn ihr Plan aufgeht, wird sie noch dieses Jahr die letzten Fähnchen in ihre Europakarte pinnen. Beeindruckend! Die kleine autonome portugiesische Inselgruppe ist einer der letzten europäischen Landstriche, den Luisa noch nicht bereist hat. Und weil das Reisen mit ihr immer entspannt und unkompliziert ist und wir die gleiche Vorstellung vom Reisen haben, war ich sofort Feuer und Flamme dem Berliner Winter für 10 Tage die kalte Schulter zu zeigen.

Am Abend wird uns Sebastião, unser Couchsufing-Host, empfangen. Aber noch sind wir über den Wolken und meine Gedanken in Berlin.

Arbeit. Unerledigte Dinge. Gute Vorsätze. Herzschmerz. Bleiben jetzt zu Hause und verschonen mich für 10 Tage. Jede Flugmeile Richtung Süden entfernt mich mehr von meinen Sorgen und bringt mich näher an unser erstes Ziel:

Lissabon. Stadt des Lichts.

Noch habe ich keinerlei Vorstellung, keine Erwartungen an unsere Reise. Wir haben nur Flüge gebucht und ein paar Übernachtungen organisiert – den Rest lassen wir auf uns zukommen.

Ich blicke auf ´s Meer, träume vor mich hin und werde müde. Wie immer falle ich in einen sanften Flugzeugschlaf. Es ist, als ob ich eine Art Flugzeugmodus eingebaut hätte. Kaum sitze ich im Flieger werde ich müde und schlafe ein.

Diesmal wache in Lissabon auf. Schlaftrunken steige ich mit Luisa die Gangway hinunter. Auf unser Gepäck müssen wir nicht warten, wir reisen wie immer mit einem kleinen Rucksack, der ins Handgepäck passt. Weniger ist mehr, so unser Credo. Und so laufen wir fröhlich an der Gepäckausgabe vorbei schnurstracks Richtung Aerobus (Linie 1), der uns ins Zentrum fährt.

Ich atme die warme sanfte Luft ein, zwischen den Wolken guckt immer wieder die Sonne auf uns herab. Das Licht ist so anders. Alles scheint zu leuchten: Bunte Hausfassaden von denen der Putz abblättert. Glänzende handbemalte Fliesen in den verschiedensten Mustern. Azulejo. Palmen. Die freundlichen Gesichter der Menschen. Ich komme mir nicht fremd vor, mir ist als ob ich schon mal hier war.

Wir haben Hunger und beschließen die Zeit die uns noch bleibt, bevor wir Sebastião treffen, mit Pastéis de Belém zu überbrücken.

In der Tram Richtung Belém studieren wir mit fragenden Blicken die Anzeigetafel der verschiedenen Stationen. Ein älterer freundlicher Herr mit Hut spricht etwas auf Portugiesisch. So weich und liebevoll hört sich die Sprache an. Leider verstehe ich nicht was er sagt, aber zum Glück spricht Luisa Portugiesisch. Wir sind in der richtigen Bahn und wissen jetzt wo wir aussteigen müssen.

30 Minuten Fahrt. Zeit zum Menschen beobachten. Der freundliche Herr mit Hut sitzt neben seiner Frau. Sie lächelt mich an. Das Paar muss im Alter meiner Großeltern sein. Wie lange sie ihr Leben wohl schon miteinander teilen? Ich spüre die Vertrautheit zwischen den beiden. Sie strahlen Ruhe und Zufriedenheit aus. Wie es wohl ist, einen Menschen so lange an seiner Seite zu haben? Hält man das aus? Wird es nicht irgendwann langweilig? Wie hält man all den Versuchungen, die einem im Leben begegnen, stand?  Ist unsere Gesellschaft heute noch für so ein Leben gemacht? Oder machen wir uns alle etwas vor? Ein Leben lang mit einem Partner zusammen bleiben? In einer Zeit, in der alles möglich scheint, in der es immer schwieriger ist sich zu entscheiden. In der man immer flexibel sein und sich immer neu erfinden muss. Wer weiß schon, wo ich in 2 Jahren lebe und arbeite? Ich frage mich das in letzter Zeit öfter. Das Pärchen vor mir gibt mir Hoffnung. Ich wünsche es mir so sehr.

Pastéis de Belém

Genug geträumt. Jetzt gerade im Moment wünsche ich mir nichts mehr als süßes Gebäck – und schon sind wir da. Wir gehen an der langen Schlange vor der dunkelblau gekachelten Padaria vorbei und setzen uns in einen der Räume des Cafés. Es ist zugig und lebendig hier, fast wie in einer Bahnhofwartehalle. Nur warten wir nicht auf den nächsten Zug, sondern auf das sagenhafte Nationalgebäck der Portugiesen: Pastéis de Nata bzw. Pastéis de Belém, wie sie hier heißen. Und an diesem Ort gibt es die Weltbesten. Versprochen!

Wir bestellen 4 Pastéis und 2 Galão. Während des Wartens kann man durch eine große Glasscheibe direkt in die Bäckerei blicken, in der das süße Gebäck seit 1837 nach geheimen Rezept gebacken wird. Vor uns ein 3 m langer Tisch voll frisch gebackener Pastéis de Belém. Wir sind im Himmel. Das Geräusch, wenn man in eines der frisch gebackenen noch warmen Törtchen beißt – unbeschreiblich. Knuspriger Blätterteig umhüllt warme leicht süße Vanille-Eiercreme, die mit einem Hauch Zimt bestäubt ist. Das macht süchtig. Wir kommen wieder!

Pastéis de Belém
84 rua de Belem
Belém 1300-085
Lissabon

Die Welt entdecken

Danach wollen wir uns bewegen und entschließen und für einen Spaziergang durch den nahe gelegenen tropischen botanischen Garten. Das große Eisentor ist schon geschlossen. Ein starker Wind bläst uns um die Ohren. Es dämmert. Gleich neben dem botanischen Garten trohnt das Kloster Mosteiro dos Jerónimos, ein prachtvoller manuelinischer Bau. An den Ufern des Tejo bestaunen wir das Padrão dos Descobrimentos. Ein Monument das an das Zeitalter der Entdeckungen in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts erinnern soll. Irre! Was das wohl für ein Gefühl gewesen sein muss die Welt zu entdecken?

Gedankenversunken laufen wir am Tejo entlang zurück ins Zentrum. Der mächtige Fluss treibt schwarz neben uns her. Ganz still und nachdenklich. Am Praça do Comércio angekommen,  halten wir nach Sebastião Ausschau. Und da ist er auch schon: Ein gut gelaunter Kerl mit sonnengebräuntem Gesicht und Zopf, etwa einen halben Kopf kleiner als wir.

Wir laufen ein Stück über die Baixa Pombalina, erzählen in Kurzform was wir so machen in unserem Leben und landen in der nächsten Bar. Sechs Cerveja später werden unsere Augen schwer. Der Gedanke an unseren frühen Flug am nächsten Morgen bewegt uns nach Hause. Unser Bettsofa ist eng und hart, Sebastiãos Wohnzimmer, wie überall im Süden im Winter, eisekalt. Dafür ist das hier alles umsonst und die Begenung mit Sebastião unbezahlbar. Luisa und ich schlafen aneinandergekuschelt unter einem Berg von Decken ein und träumen uns nach Corvo – auf die kleinste bewohnte Insel der Azoren …

Aus der Reihe Unterwegs in der Welt

Im Oktober 2013 ist mein Buch »Foodblogs und ihre besten Rezepte« im Hädecke Verlag erschienen.



Gourmand World Cookbook Award Winner 2014 for Germany. Category »Blog«.



48 kulinarische Erzählungen und Rezepte von 12 deutschsprachigen Foodblogger/innen. Nachgekocht, fotografiert und genussvoll verzehrt von Ariane Bille. Konzipiert und kreiert als Buch, App und Blog.


Vice Content Network

»Das Buch bringt viele Perspektiven zusammen und kommt so der kulinarischen Bewegung im Web erstaunlich nahe – ihren Protagonisten und Motiven, der Kochlust samt Rezepten.« Valentinas-Kochbuch



Mizzis Küchenblock | Der Genussblog von Hädecke