Kulinarische Momentaufnahmen
Friday, 16. May 2014 - von Ariane

Eine Reise nach Ecuador Teil 1 – Von Berlin nach Guayaquil

Da sieht man mal wieder welch unglaubliche Dynamik das Internet hat: An einem Sonntagnachmittag im März lese ich Anjas Post zu ihrer Autorensuche, bewerbe mich spontan als Gastautorin, weil das Reisen neben dem Essen meine zweite Leidenschaft ist und sich das perfekt verbinden lässt. Anja entscheidet sich für ein 15 köpfiges Redaktionsteam – darunter auch mich – und knapp vier Wochen später sitze ich über den Wolken Berlins im Flieger nach Cuenca.

Cuenca? Nein, nicht das spanische Örtchen Cuenca. Ich rede von Cuenca in Ecuador. Nordwestliches Südamerika, exakt auf dem Äquator gelegen, der dem kleinsten südamerikanischen Land seinen Namen gab.

Südamerika also. Wie phantastisch, wie unglaublich! Ein Traum. Nordamerika,Vorderasien, Südasien, Südostasien und Europa habe ich bereist. Jetzt kommt ein mir völlig unbekannter Kontinent hinzu. Luftsprünge, Freudenschreie, Herzklopfen.

3. Mai 2014

Nach einer durchtanzen Nacht stehe ich mit einem Becher Kaffee übernächtigt und voller Vorfreude, auf den TXL wartend, an der Bushaltestelle. Ich atme die kühle Berliner Morgenluft ein. Was wird mich in dem an Kolumbien und Peru grenzendem Land erwarten? Und noch viel wichtiger: Welche kulinarischen Neuentdeckungen werde ich machen?

Im Flugzeug hinter mir erklingt eine rauchige, gut gelaunte Radiostimme. Jenny, die in Berlin lebende (Reise-) Journalistin und Radiomoderatorin, ist ganz in ihrem Element und zählt freudestrahlend die Hotspots der Berliner-Salsa-Szene auf. Ihr kolumbianischer Sitznachbar lauscht gespannt, macht sich Notizen für seine nächste Berlin-Reise.

Neben mir begutachten neugierige Augen meinen Reiselektüre. Es ist Fred, Inhaber einer Reiseagentur. Wir drei und neun andere Reisebegeisterte werden die nächsten sieben Tage miteinander verbringen. Wir wissen es nur noch nicht.

Meine müden Augen werden schwer, ich schlafe ein. In Madrid wache ich auf. Jenny grinst zu mir herüber, wir kommen ins Gespräch und freuen uns, dass wir die nächsten fünf Stunden auf unseren Anschlussflug nach Cuenca nicht alleine warten müssen. Zu uns stößt Thilo, ebenfalls Reisejournalist. Gespannt höre ich den oft skurrilen Reiseabenteuern der beiden zu. Reisejournalist. Ein Traumjob.

Die Zeit verrast und endlich startet unser LAN-Flug Richtung Ecuador.

Die letzte Nacht sitzt mir in den Knochen, meine Beine sind schwer wie Blei. Die klimatisierte Flugzeugluft, das dunkle Rauschen der Turbinen und das spanische Gemurmel meiner Sitznachbarn vermischt sich zu einem Durcheinander, wiegt mich in einen tiefen Schlaf. Ich schlafe fast die gesamte Flugzeit. Himmlisch!

Ankunft in Guyaquil

Die dampfende Tropenstadt liegt im Südwesten Ecuadors und ist mit seinen drei Millionen Einwohnern größer als die Hauptstadt Quito.

Eine schwüle, nach Desinfektionsmittel und Abgasen riechende Nacht empfängt mich. Es mag komisch klingen, aber ich liebe diesen Moment. Jetzt weiß ich, wie weit weg ich von Allem bin. Das unheimliche Gefühl der Fremde überkommt mich. Gänsehaut, trotz brütender Hitze.

Jenny, Thilo und ich halten Ausschau nach dem Schild Press-Fam-Trip Fundacion Municipal Turismo para Cuenca. Eddy, unser gutgelaunter Reiseführer sammelt uns und die anderen Mitreisenden auf und begleitet uns zum Hotel Oro Verde Guayaquil. Vamos Amigos!

Noch nie bin ich am Flughafen von einem Fahrer abgeholt worden, noch nie habe ich in einem 5-Sterne-Hotel genächtigt. Das hier ist absolutes Neuland. Bisher bin ich Rucksackreisen, Hostels, Couchsurfing oder Airbnb-Unterkünfte und das Feilschen mit dem Taxifahrer gewohnt.

Auf weiche, schneeweiße Kissen gebettet, freue ich mich heimlich über den Luxus, der mir auf dieser Reise ermöglicht wird und schlafe ein.

Nach einer kurzen Nacht

Cevice zum Frühstück. Fisch, Garnelen, Limettensaft, Knoblauch, rote Zwiebeln, Tomate, Chili und Koriander – die kalte würzige Suppe belebt, spendet Energie für meinen ersten Tag in Ecuador. In Südamerika sagt man dem Gericht eine aphrodisierende Wirkung nach. Wie dem auch sein, das Ungewöhnliche ist die Zubereitung: Der Limettensaft denaturiert das Eiweiß der Meeresfrüchte ähnlich wie beim Kochen. Dabei bleiben sämtliche Nährstoffe erhalten – ein absoluter Vitamin- und Eiweißflash!

Auf geht’s in die kochende Hafenstadt. Der Park Seminario ist unser erster Stopp. Eddy fragt mich mit einem breiten Grinsen im Gesicht, ob ich es schon gefunden hätte. Meine suchenden Blicke fallen auf einen Leguan. Schnell zücke ich die Kamera und schleiche mich an den Baumbewohner, der eine Länge von 2 m erreichen kann, heran. Die ersten Schnappschüsse sind gemacht, da bemerke ich, dass es vom Himmel tropft. Ungewöhnlich große Regentropfen müssen das sein. Eddies Warnung kommt nicht zu spät: Ich blicke nach oben und stelle fest, dass in der Baumkrone über mir dutzende Leguane vergnüglich ihr Geschäft erledigen. Ich mache einen Sprung zur Seite – noch mal Glück gehabt!

Park Seminario
Chimborazo Ecke Calle 6 SE 10 de Agosto
Guayaquil, Ecuador

Guayaquil ist eher als gefährliche südamerikanische Metropole berüchtigt, die Polizeipräsenz ist nicht zu übersehen. Doch die Stadt ist schwer damit beschäftigt ihr Image zu polieren. So avancierte z.B. der Malécon 2000 an den Ufern des Rio Guayas zu einem pompösen Treffpunkt. Und auch das  nördlich davon, auf einem Hügel gelegene ehemalige Armenviertel Cerro Santa Ana wurde aufgehübscht. Die kolonialen Fassaden des Barrio Las Peñas am Fuße des Künstlerviertels, funkeln heute in satten Farben. Fast jede Straßenecke ist mit Polizisten gesäumt. Daran muss man sich gewöhnen.

Malecon 2000
Antono JF De Sucre Antonio
Guayaquil, Ecuador

Las Peñas
Guayaquil, Ecuador

Die Äquatorsonne ballert vom Himmel. Gleißende Hitze. Ich schleppe mich gemeinsam mit meinen Mitreisenden 444 Stufen bis zum hellblau gestreiften Leuchtturm auf den Gipfel des Hügels. Oben angekommen genieße ich eine leichte Brise, blicke erschöpft auf den träge vor sich hin treibenden Rio Guayas. Auf der anderen Seite erstreckt sich auf einem weiteren Hügel Cerro del Carmen. Hier ist noch alles beim Alten geblieben, die Remodellierung hat noch nicht begonnen: Armut, Kriminalität, ausgestorbene Straßen bei Nacht.

In den Norden nach Cuenca

Wir sausen im Minibus durch die Vorstadtwüste, an Obstständen, sich am Spieß drehenden Spanferkeln, Kakao- und Bananenplantagen vorbei, bis wir in die Natur gewaltige eintauchen. Meter um Meter kurven wir die Serpentinen der Anden hinauf, während unser Fahrer Max energisch ins Gaspedal tritt. Ohne Rücksicht auf Verluste taucht unser Bus in die mystischen Nebelwälder ein. Ich halte den Atem an und frage mich ob Max Hellsehen kann. Die Sicht ist nicht mal zwei Meter weit und er düst von einer Kurve in die andere, ohne zu sehen ob sich hinter den Nebelschwaden Lamas, Kühe oder andere Hindernisse verbergen.

Aus der Reihe Eine Reise nach Ecuador

Im Oktober 2013 ist mein Buch »Foodblogs und ihre besten Rezepte« im Hädecke Verlag erschienen.



Gourmand World Cookbook Award Winner 2014 for Germany. Category »Blog«.



48 kulinarische Erzählungen und Rezepte von 12 deutschsprachigen Foodblogger/innen. Nachgekocht, fotografiert und genussvoll verzehrt von Ariane Bille. Konzipiert und kreiert als Buch, App und Blog.


Vice Content Network

»Das Buch bringt viele Perspektiven zusammen und kommt so der kulinarischen Bewegung im Web erstaunlich nahe – ihren Protagonisten und Motiven, der Kochlust samt Rezepten.« Valentinas-Kochbuch



Mizzis Küchenblock | Der Genussblog von Hädecke