Kulinarische Momentaufnahmen
Eline von Küchentanz
Freitag, 4. März 2011 - von Ariane

Eline

Update Mai 2013: Alle Interviews, die hier im Blog zu lesen sind, habe ich für das erscheinende Buch in der Caramelized-App (Juni 2013) und im Hädecke Verlag (Herbst 2013) komplett überarbeitet und ergänzt. Hier im Blog sind sie noch in der alten Version zu lesen.

Es ist schon eine Weile her, um genauer zu sein war es Mai 2010, als ich das Interview mit Eline geführt habe. Ihr Küchentanz wird nun bald zwei Jahre alt. Ob Eline die erste Frage heute anders beantworten würde? Ihr letzter Blogeintrag lässt gemischte Gefühle vermuten.

Ich schätze Elines hohen Anspruch. “In Search of Perfection” ist ihr Kochmotto und genau das findet man auch im Küchentanz wieder. Im Interview erfahrt Ihr mehr über die “kochverrückte” Eline und ihren Blog.

Ariane: Eline, Dein Blog „Küchentanz“ wird nun fast ein Jahr alt. Wie hast Du die Foodblogger-Community für Dich entdeckt und wie hat sich Dein Blog im Rückblick auf das letzte Jahr verändert? Gibt es Momente, die Du in besonders schöner Erinnerung behalten hast?

Eline: Tatsächlich, schon fast ein Jahr! Klein und fein, das war meine Vorstellung von Beginn an, als ich mich entschied, aus dem Massenforum chefkoch.de auszuscheren und meine Ideen, Gedanken und Rezepte ganz eigenständig zu präsentieren.

Alissa, die ich aus dem Chefkoch kannte, hat mich zum Foodbloggen animiert. Ich bin ihr dafür dankbar – es macht mir immer noch großen Spaß.

Veränderungen in meinem Blog kann ich keine erkennen. Ich versuche, das Niveau zu halten. Ich möchte Appetit machen, anregen und über den Tellerrand des Kochens hinausschauen. Dazu gehört manchmal auch Unbequemes und Provokantes. Für nostalgische Erinnerungen ist mein Küchentanz noch zu jung. Es gibt oft witzige, anregende, inspirierende Diskussionen, nicht nur über Essen und Trinken, sondern auch über Literatur, Filme und Ökologie.

Ariane: Kochen und Essen macht einen großen Teil Deines Lebens aus. Woher kommt diese Faszination und was reizt Dich daran, Deine persönlichen Kocherlebnisse mit der Öffentlichkeit zu teilen?

Eline: Kochen machte mir schon als Kind Spaß. Und es war auch notwendig, da wir nach heutigen Begriffen arm waren, auch wenn wir uns nie so fühlten. Meine Schwester und ich kochten unser Essen nach der Schule selbst und oft auch noch abends für unsere allein erziehende Mutter, wenn sie müde aus der Arbeit kam. Wir hatten einen Garten mit viel Gemüse und Obst. Wir haben immer fantastisch gut gegessen, auch weil meine Mutter so eine tolle Köchin war, die uns am Wochenende richtig verwöhnte. Ein Freund unserer Familie arbeitete in einem Kochbuchverlag und schenkte meiner Mutter jede Neuerscheinung. So wuchs ich als kleines Mädchen mit Fachliteratur wie Duch’s Kochlexika, dem Großen Pellaprat und Bocuse auf, auch wenn ich noch nicht alles verstanden habe, was ich da so eifrig las.

Der Reiz der Öffentlichkeit? Das ist wohl bei allen Bloggern gleich: eine gehörige Portion Selbstdarstellungsdrang und Eitelkeit, Stolz auf meine Rezepturen und ein gewisses pädagogisches Sendungsbewusstsein. Ich freu mich, wenn meine Rezepte nachgekocht werden oder wenn ich jemanden dazu animiere kochverrückt zu werden. Daher mache ich nie ein Geheimnis aus meinen Rezepten und gebe auch jeden erlernten Kochtrick gerne weiter. Es kann passieren, dass mir jemand während des Kochens eine E-Mail schickt und um Rat fragt.

Ariane: Was macht Foodblogs für Dich so schätzenswert und wie beeinflussen sie Dein eigenes Kochen?

Eline: Foodblogs gefallen mir nicht automatisch, nur weil sich jemand mit Essen beschäftigt. Wenn jemand gut Schreiben und Geschichten erzählen kann, sind Rezepte und Fotos für mich zweitrangig. Ich mag Blogs von Persönlichkeiten, die meinen Hang zum Genuss teilen, die sich darüber hinaus aber auch kritisch mit unserer Welt beschäftigen, politisch oder künstlerisch. Rezepte koche ich kaum nach, aber sie können mich wie Warenkunde oder ein Bericht über einen Restaurantbesuch auf neue Ideen bringen.

Ariane: Gibt es Dinge, die man aus Deiner Sicht beim Food-Bloggen tunlichst vermeiden sollte?

Eline:

  • Traffic-Hunting
  • Unpassende Werbung
  • Konformität
  • In Rollen schlüpfen, die man im richtigen Leben nicht spielt.

Bevor ich den Küchentanz begonnen habe, habe ich mich international  intensiv umgesehen. Es gibt viele Blogs, die gleich aussehen und mit nahezu identischen Inhalten gefüllt sind. Ich hätte gerne das Design-Know-how, meinem Blog ein individuelleres Layout zu verleihen. Da ich das nicht habe, versuche ich mich inhaltlich möglichst authentisch zu verhalten. Und ich schreibe in anderen Blogs nur dann einen anerkennenden Kommentar, wenn mir etwas wirklich gut gefällt. Das in der Szene häufige Ritual der undifferenzierte Lobeshymnen ohne jeden Anflug einer inhaltlichen Auseinandersetzung will ich nicht mitmachen. In der virtuellen Welt sind gute und schlechte menschliche Verhaltensweisen, aufgrund der Anonymität besonders ausgeprägt. Das macht auch sachliche Diskussionen sehr schwierig. Das habe ich in diesem Jahr gelernt. Trotzdem will ich nicht auf kontroversielle Themen und meine eigne Sichtweisen verzichten, das wäre langweilig.

Konzentration auf das Wesentliche ist mir auch noch sehr wichtig: wenn man nichts zu sagen hat, sollte man schweigen. Dann gibt es  ein paar Tage keinen neuen Beitrag im “Küchentanz”. Daran arbeite ich aber noch, das auch wirklich einzuhalten!

Ariane: Deinem Profil zu Folge bedeutet Kochen für Dich den Ausgleich von Deinem kopflastigem Beruf. Was machst Du beruflich und wie wird das Kochen und Essen für Dich zur Entspannung?

Eline: Ich betreibe gemeinsam mit meinem Mann eine Softwarefirma und bin für Marketing zuständig. Ich bin von der Ausbildung her Publizistin und habe viele Jahre als PR-Frau und Event-Managerin im politischen Bereich und Privatwirtschaft gearbeitet. Ich arbeite im Schnitt 8 bis 9 Stunden täglich, teile mir das aber relativ frei ein. Fast immer macht auch das Kochen kleiner, alltäglicher Gerichte für Zwei am Abend Spaß. Einfach Gemüse schnibbeln, Käse reiben, Eier schlagen, nix Besonderes, aber aus guten Zutaten. Dazu Musik nach Laune. Dann deckt H. den Tisch und wir Essen, Trinken und Reden miteinander – nie über die Arbeit. Wenn ich keine Lust auf Einkaufen und Kochen habe (oder H. aufs Geschirr-Abwaschen), gehen wir aus oder essen ein belegtes Brot.

Ariane: Kochbücher oder Foodblogs – was inspiriert Dich besonders zu eigenen Rezepturen?

Eline: Essen bei Köchen mit eigenem Stil inspiriert mich am meisten. Wenn sie auch ein gutes Kochbuch veröffentlicht haben, kaufe ich mir dieses. Ich kann aber auch ganz gut komplizierte Gerichte, die ich in einem guten Restaurant esse, geschmacklich analysieren und nachkochen, ohne dafür eine Rezeptur bekommen zu haben. Dann variiere ich das Ganze gerne und mach mein eigenes Ding draus. Genaue Rezepte zu schreiben ist ein Hobby von mir. Dabei lernt man sehr viel. Wenn das Rezept mal geschrieben ist, kann ich es dann auch beim Kochen  in Teilen ignorieren und spontan vorgehen. Doch das Konzept gibt eine gewisse Qualitätssicherheit.

Ariane: Wie sollten die Verlage hinsichtlich der blitzartig steigenden Zahl der Foodblogs, und kostenlosen Rezepte im Internet reagieren? Was denkst Du?

Eline: Diese Veränderung betrifft alle Verlage: sie müssten sich bewusst werden, dass das im Internet vorhandene, unglaublich große und rasant wachsende Wissenspotential jedem Printmedium überlegen ist. So ein traditionelles Kochlexikon, wie der von mir genannte Duch, mit dem jeder Gastronomie-Berufsschüler in Österreich aufgewachsen ist, wirkt heute wie ein Fossil. Wenn ein Kochlehrling sich heute über Sauce Hollandaise schlau machen will, kann er Entstehungsgeschichte, hunderte Rezepturen und sogar genaue Video-Anleitungen für die Herstellung dieser Sauce abrufen.

Ich bewundere den Mut, heutzutage Kochbücher zu schreiben. Selbst wenn sich die Bücher gut verkaufen, die Autoren verdienen in Relation zum Aufwand wenig Geld. Besonders aufwendige Tablebooks von bekannten Köchen, mit tollem Layout und Fotos, sind vermutlich auch nicht ein richtiges Geschäft, sondern in erster Linie als PR für den Koch gedacht. Wenn ich in einem Verlag was zu sagen hätte, würde ich Kochbücher nur dann herausgeben, wenn sie gleichzeitig mit anderen Medien verbunden wären (Rezepte-DVDs, Fernsehsendungen, Blogs, …). Einige Blogger, die gute Geschichten schreiben, haben ja Erfolg als Buchautoren, aber das ist eine kleine  Nische.

Ariane: Küchentanz, das klingt nach Spaß in Deiner Küche. Welches Musik-Repertoire findet man bei Dir und wie oft kann man Dich tanzend Kochen sehen?

Eline: Musik ist besonders wichtig, wenn ich etwas aufwändiger koche. Sei es für die häufigen Gäste oder nur für uns zwei. Das kann für ein 6 gängiges Menü durchaus eine große Wagner-Oper sein oder sämtliche Massada-Aufnahmen von John Zorn. Ich mag Blues, Soul, Jazz, Avantgarde, Weltmusik, moderne und romantische Oper. Küchentanz ist nur ein Symbol für meine Freude am Kochen, die mich auch nach einem schwierigen Arbeitstag beschwingt. Echt getanzt wird ganz selten, meist spät nachts mit H., wenn die Gäste gegangen sind.

Ariane: Dein Kochmotto lautet „In Search of Perfection“ und selbst nennst Du Dich eine ambitionierte Hobbyköchin. Erzähl mir mehr davon. Wie unterscheidest Du Hobbyköche von ambitionierten Hobbyköchen und wieso zählst Du zu Letzteren?

Eline: Wenn ich mich irgendwo in meinem Blog als  “ambitionierte Hobbyköchin” bezeichne, muss ich das schnell ändern auf “kochverrückte Amateurin”.

Amateurin im ursprünglichen Wortsinn: ich liebe das Kochen. Dazu kommt das Verrückte. Wenn ich ein Menü plane, habe ich im Halbschlaf Rezeptideen (nicht die schlechtesten!). Ich finde es vergnüglich, insgesamt so 8-10 Stunden zu Planen und zu Kochen, um gleichgesinnten Freunden ein Menü zu servieren, das im Bereich meiner Fähigkeiten möglichst gut schmeckt. Dieses Streben nach Perfektion habe ich nur beim Kochen. Das belächeln viele oder sie finden mich deswegen überheblich, weil ich das auch offen sage. Aber nach Perfektion streben, heißt ja, dass man weiß, dass man es nicht ist. Es ist für mich faszinierend, dass mehr Aufwand, mehr Sorgfalt nicht immer zu besseren Ergebnissen führt. Manchmal liegt die Annäherung an Perfektion auch im Weglassen von Überflüssigem.

Ariane: Dich verbindet eine längere Forenbekanntschaft mit Astrid von „Arthurs Tochter kocht“. Stell Dir vor, Astrid würde Dich zum gemeinsamen Kochen einladen. Wie stellst Du Dir Euer Kennenlernen im wahren Leben vor und was würdet Ihr kochen?

Eline: Da muss ich lachen! Rein theoretisch stelle ich mir uns beide kochtechnisch inkompatibel vor: kreative Chaotin (Astrid hat auch den Nick Girlfriend-in-a Chaos) triff peniblen Ordnungsfreak, das wäre was für einen Slapstick-Film, sicher ein großer Erfolg in YouTube.

Zuerst wurden wir mal eine Flasche Köchinnenwein aus Arthurs Tochters genial positioniertem Weinschrank trinken. Dann sollten wir  ein Schmorgericht, das mindestens 3 Stunden braucht, in den Ofen schieben und einen langen Spaziergang durch die nahe gelegenen Weinberge bei AT zuhause machen. Zurückgekehrt würden wir Serviettenknödel kochen, genüsslich essen und viel lachen.

Ariane: Eline, einen lieben Dank für das interessante Interview!

Fotos: H.

Kommentare

  1. Eline - 7. März 2011 um 13:01

    Ja, die Zeiten ändern sich, liebe Ariane! Alissa, die mich zum Bloggen animierte, tut es nicht mehr. Ich tue es schon noch, aber etwas anders. Meine Kochleidenschaft ist aber ungebrochen. Ich freue mich jedenfalls auf das Wanderbuch, eine tolle Idee!

  2. Ariane - 8. März 2011 um 09:37

    Das ist das Wichtigste!
    Das Wanderbuch ist jetzt auf dem Weg nach Spanien (ich wäre gern mitgekommen…)

  3. Eline ? KULINARISCHE MOMENTAUFNAHMEN ? Die bunte Welt der Foodblogs | Liebe E-Line - 12. Februar 2014 um 19:36

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Im Oktober 2013 ist mein Buch »Foodblogs und ihre besten Rezepte« im Hädecke Verlag erschienen.



Gourmand World Cookbook Award Winner 2014 for Germany. Category »Blog«.


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