Kulinarische Momentaufnahmen
nuernberg-hase_c_arianebille-(8-von-9)
Mittwoch, 10. Juli 2013 - von richW

Gastbeitrag von rich W: Der Hase meines Vaters

[Ariane] Bei einem Kurzbesuch in Nürnberg, meines Vaters Heimatstadt, hat mir mein Freund Rick wieder einmal den Hasen seines Vaters aufgetischt. Die Geschichte dahinter erzählt Rick in einem Gastbeitrag hier in meinem Blog. Kämpft euch bis zum Ende durch – es lohnt sich! Und ich wünsche mir ab jetzt noch mehr kulinarische Geschichten von dir, lieber Rick.

[richW] In einem Beitrag für Deutschland schreibt GesCMAck, das die gleichnamige oder wenigstens ähnlich zu buchstabierende CMA am Rande der Grünen Woche einmal herausgebracht hat, schrieb ich unter dem Titel Vergangen und Vergessen: „Im Zentrum unserer vielköpfigen Familie: der Garten meiner Mutter.“ Und weiter: „Damals erlag ich der Küche meiner Mutter: dem Duft des Bratens, den Klößen, Spätzle oder dem gebackenen Kartoffelbrei … “

Die Bilder meiner Kindheit

Gott hab‘ sie selig, die CMA. Foodwatch, PETA, Vegetarier u.v.a. werden die Agrarmarketingianer im Dienste der deutschen Land- und Ernährungswirtschaft jedoch sonst wohin gewünscht haben. In dem Buch allerdings traten auch die üblichen Polit-Verdächtigen wie Wowi, Westerwelle oder die damals noch nicht öffentliche Tanzbärin Heide Simonis auf, Food-Promis wie Kolja Kleeberg (Ode an das Kipferl) oder Rose Marie Donhauser (Essen ist nicht bloß Nahrungsaufnahme) gaben ihre Geschmacksempfehlungen zum Besten. Im Angesicht zu der mächtigen, allseits dominierenden Nahrungs- und Genussmittelindustrie setzten sich aber auch Unverdächtige wie Bärbel Höhn (Ich beiß nicht in jeden Apfel) oder Tanja Dückers (Im Rucksack Ringelnatz, taz, Hanuta) mehr oder weniger kritisch mit dem Essen auseinander und wie was schmeckt oder woher es kommt. Meine Wenigkeit jedenfalls malte den Teufel an die Wand, mit den Worten meiner Lebensgefährtin: „Wenn unsere Mütter sterben, dann ist das alles verloren. Die Art und Weise, wie sie kochen und auch Früchte und Lebensmittel, mit denen sie kochen.“

Der Braten meiner Mutter

Jetzt hast Du aber ganz schön weit ausgeholt, Brauner! Brrr! Jedenfalls spielt hier in diesem Beitrag für Arianes Blog nicht die Küche meiner Mutter die Hauptrolle – abgesehen davon, dass ich den Hasenbraten meiner Mutter, um den vielmundigen Hunger unserer kinderreichen Familie und nach ländlicher Arbeit und Abenteuern im Freien deren eiweißbedürftige Leiber zu stillen, schon sehr früh satt hatte und mich die Art, wie er zubereitet wurde, angekotzt hat – sondern der Hase meines Vaters. Den ich nicht wie den Braten meiner Mutter interpretiere und niemals so interpretiert habe, sondern ihn als Basis für immer neue wohlschmeckende und köstliche Variationen zu verwenden pflege.

Zuvor nur noch ein ganz kurzer Einwurf vom Rande der Frankenhöhe an der Grenze zum württembergischen Hohenlohe-Franken: Beim Hasen meines Vaters handelte es sich lange Jahre um den Hellen Großsilber, in letzter Zeit hat mein Papa aber zunehmend das eher beneluxige Hasenkaninchen in diese Linie eingekreuzt. Wegen des zarteren Fleisches und der imposanten Keule. Die Qualität des Nahrungsmittels übrigens ist kaum zu übertreffen. Denn alles, was die nun also hellen großsilbrigen Hasenkaninchen zu sich nehmen, baut mein Vater selbst an. Bis dahin, dass er Weizen, Rüben, Äpfel oder Salat mit der eigenen, oh, äh, mit dem Kompost aus eigener Herstellung düngt. Und die knuffigen, possierlichen Tierchen letzten und leider auch traurigen Endes auch selbst um die Ecke bringt. Ich könnte Ihnen jetzt von der Wäscheleine hinterm Haus erzählen und dem Messer meines Vaters, dessen halbe Klinge sich bereits in Luft aufgelöst hat, dessen stählerner Rest aber in der Sonne hinter dem Haus immer noch blitzend … Das würde den Text aber in eine Richtung führen, wo eine politische-ethische Diskussion lauert oder eine intensive individuell -moralische Selbstbefragung unerlässlich wäre.

Die Kinder meiner Eltern

Doch das ganze Hohelied auf die ländliche Lebenslust, auf die exzellente Qualität der Nahrungsmittel, auf Genuss und Geschmack sorgfältig produzierten, ökologisch und medizinisch unbedenklichen Essens hat noch einen anderen entscheidenden Fehler. Wir kommen nun zum Haken der Geschichte des Hasen meines Vaters: Er hat es nämlich satt, seinen Hasen zu schlachten. Er hat es auch über, Tag für Tag für seinen Hasen da zu sein, dass dessen Fütterung allein an ihm hängenbleibt, noch dazu das gesamte, wirklich breite Nahrungsmittelangebot für seinen, ja, Gefährten in der Einöde selbst erzeugen zu müssen. Er führt zwar sein hohes und immer höheres Alter ins Feld seiner hingemurmelten Begründung, doch ein bisschen klingt auch noch etwas anderes an: Er möchte nicht mehr Hase um Hase, Kaninchen um Kaninchen töten. Und selbst nichts davon haben. Denn das Ende der Geschichte läuft immer so ab: Seine Kinder fallen ihm um den Hals, er stopft wie vor mittlerweile zwei Generationen immer nur die Münder seiner Nachkommen, die als überzeugte Städter überaus gerne auch die Vorteile des Landlebens in Anspruch nehmen: ohne einen Finger dafür zu rühren, niemals auch nur einen Gedanken daran verschwenden, wie viel Mühe und Arbeit das bedeutet. Bis aus dem Hasen meines Vaters endlich der Hasenbraten nicht meiner Mutter, sondern mittlerweile ihrer beider Kinder und auch schon deren Kindeskinder zu werden gedenkt. Und überhaupt halt: eine göttliche Kreatur ums Leben bringen zu müssen.

Zwischenschnitt – Der Wirt unserer Salumeria

Der Beginn dieser Geschichte könnte eigentlich auch lauten: Eigentlich wollten wir, als Ariane aus Berlin uns besuchte, auf die Terrasse des Ristorante Il Sorrento, dorthin wo man auf das Feld der Ehre des SC Germania Nürnberg e.V. blickt. Zu Orazios neuem Lokal – schon in der altehrwürdigen Salumeria in der Bucher Straße hatte uns der Maestro mit seinen üppigen viergängigen Menüs verwöhnt – , auch genannt „An den Pegnitzauen“, wo er nun am Rande der grünen Pracht, die zu einem Traum von verspielter Leichtigkeit und mannschaftlicher Harmonie, von ballversiertem Spektakel und fußballromantischer Poesie einlädt, seine Fischphantasien auf den Teller zaubert. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte, spielt am Ende dieser Geschichte aber nicht gänzlich keine Rolle mehr.

Die süße Sauce unserer Träume

Kurzentschlossen holte ich jedoch lieber den halben eingefrorenen Hasen meines Vaters aus der Tiefkühltruhe und machte mich daran, Ariane und Christine eine andere Gaumenfreude anstatt Orazios zu bereiten. Ich kochte aber kein Coniglio à la Trento, kein französisches oder spanisches Kaninchen, bereitete das zarte saftige Fleisch nicht auf piemontesische, ligurische oder kanarische Art, ließ es nicht in Valpolicella, Balsamico, Sahnesauce mit Schinkenstreifen oder einer Mousse von Backpflaumen schmoren. Die meisten Ohs und Achs, der größte Beifall lässt sich vielmehr folgendermaßen erheischen: Hinterkeule, Vorderpfote, Rücken und Balg mit Knoblauch spicken, mit Salz, Pfeffer und Muskat abschmecken, das Rendezvous von Fleisch und Knoblauch scharf anbraten, den Topf mit reichlich Zwiebel, bisschen Knoblauch und Karotten anschwitzen, mit Wasser, Pinot Grigio oder trockenem Riesling löschen. Dann den angebratenen ganz und gar nicht falschen, aber bereits knusprig braunen halben Hasen meines Vaters dazugeben, nach Geschmack mit Kräutern (Salbei, Thymian, Rosmarin) verfeinern und je nach Vorliebe ein bis zwei Stunden in der Sauce köcheln lassen.

Ich bin ja ein Fan davon, dass mir der Hase meines Vaters auf der Zunge zergeht, d.h. ich schwelge in hasenhimmlischen Höhen, wenn ich den Genuss geboten kriege, die butterweiche Hasenkeule quasi zu lutschen. Ariane reiste aus der nicht mehr ganz neuen Bundeshauptstadt hierher in die uralte Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und was liegt da näher, da solls natürlich auch regional zugehen, in diesem Falle also stellt sich die Frage: Und wo gibt’s die besten Glöööß!? Natürlich in Franggn!!! Und wer macht den besten Gloßdeich? Da hat jeder so seine Vorlieben und sowieso kommt nichts vorbei an den Klößen meiner Mutter …

Das Ende der Geschichte vom Hasen meines Vaters sieht meist folgendermaßen aus: Der halbe Hase meines Vaters reicht auch an diesem Abend kaum für drei Personen. Laden Sie nie zwei hungrige Mädchen dazu ein, denn da bleibt dem emsigen bemühten Koch nichts anderes, als die stöhnende Meute zu bedienen und zu umsorgen. Mehr und mehr heranzuschaffen, um essenstechnische Bedürfnisse und gourmetmäßig die Gelüste der beiden Damen zu befriedigen. Bis nichts, aber auch gar nichts mehr übrig ist vom Hasen meines Vaters.

Das Ende meiner Geschichte

Wenn Sie also zu Ende gelesen, sich bis hierher durchgekämpft haben durch nicht nur meine Erinnerungen, vermischt mit ihren, vielleicht ähnlichen Erlebnissen und anderen prägenden Erfahrungen andererseits, sich eventuell auch bis zum Kern dieser Episode in Arianes Kulinarischen Momenten gequält haben, und zwar zur Zubereitung des Hasen meines Vaters (nicht schon wieder!) – dann, ja dann dürfte Ihnen nicht entgangen sein, dass noch etwas fehlt, etwas Entscheidendes noch im Reich des Verborgenen geblieben ist. Und ich muss das jetzt, so leid es mir für einige Zeitgenossen tut, in einer Epoche, die von den Massenphänomenen geprägt ist, und deren Begeisterung meistens und immer wieder auf eine, genau diese eine Sache zurückkommt, hinfällt, sich auf dieses Spektakel fokussiert und verengt: der Kaiser, hätte ich beinahe gesagt, und zwar nicht Karl der Große, sondern Franz der Schillernde regiert die Welt, ja, König Fußball hält das Zepter in der Hand, sorgt für Höhepunkte und Leidenstaumel Tag für Tag, besetzt Sinne, Aufmerksamkeit und Wahrnehmung von Millionen, ach was: Milliarden!

Ums kurz zu machen und nicht die zu quälen, die sich in der Minderheit nun voll des Grauens, grauenvollst sich anschicken von dieser Geschichte abzuwenden: Ich spiele seit ein, zwei Jahren wieder für meinen alten Heimatverein, besser gesagt natürlich für die Seniorenmannschaft, in der auch noch einige Cracks aus der E-Jugend aktiv sind, die ich vor Jahrzehnten einmal trainierte. Ein Spieler aus dieser AH genannten Truppe hat mir neulich einmal ein Exemplar aus seinem eigenen Hasenstall feilgeboten: Einen Deutschen Großsilber, ebenfalls mit einem Schuss Hasenkaninchen, 4–5 kg schwer, Preis? Zwischen 20 und 30 Euro. Auch auf garantiert ökologisch unbedenkliche Art und Weise großgezogen, wie er und einige Sportkameraden mir im Sportheim anschließend feixend versicherten.

Damit findet die Geschichte des Hasen meines Vaters hier ihr Ende, spendiert sozusagen einen doppelten Abschluss, im wirklichen Leben zwischen Stadt und Land, im virtuellen, digitalen Raum dieses Blogs. Und ganz zum Schluss sei noch die Frage erlaubt: Ist nicht alles Wahre und Echte nur wahre reine eigene Vorstellung, mündet nicht die Realität selbst um uns herum in des Menschen reines Geistiges und vor allem wann ist der Hase meines Vaters vergangen und gegessen, äh vergessen muss es heißen?

nuernberg-hase_c_arianebille-(1-von-9)nuernberg-hase_c_arianebille (12 von 1)nuernberg-hase_c_arianebille-(2-von-9)nuernberg-hase_c_arianebille (11 von 1)nuernberg-hase_c_arianebille (10 von 1)nuernberg-hase_c_arianebille-(3-von-9)nuernberg-hase_c_arianebille-(4-von-9)nuernberg-hase_c_arianebille-(6-von-9)nuernberg-hase_c_arianebille-(5-von-9)nuernberg-hase_c_arianebille-(7-von-9)nuernberg-hase_c_arianebille-(9-von-9)

Im Oktober 2013 ist mein Buch »Foodblogs und ihre besten Rezepte« im Hädecke Verlag erschienen.



Gourmand World Cookbook Award Winner 2014 for Germany. Category »Blog«.



48 kulinarische Erzählungen und Rezepte von 12 deutschsprachigen Foodblogger/innen. Nachgekocht, fotografiert und genussvoll verzehrt von Ariane Bille. Konzipiert und kreiert als Buch, App und Blog.


Vice Content Network

»Das Buch bringt viele Perspektiven zusammen und kommt so der kulinarischen Bewegung im Web erstaunlich nahe – ihren Protagonisten und Motiven, der Kochlust samt Rezepten.« Valentinas-Kochbuch



Mizzis Küchenblock | Der Genussblog von Hädecke