Kulinarische Momentaufnahmen
Thursday, 26. September 2013 - von richW

Gastbeitrag von rich W: Lila Kühe und gelbe Entchen

[Ariane] Nachdem mein Freund Rick neulich seinen ersten Auftritt hier im Blog hatte, und die Geschichte vom Hasen seines Vaters erzählte, folgt nun der zweite Akt. Diesmal geht´s um Schulkantinenfraß, wie man seine Kinder für hausgemachtes Essen begeistert und ganz von selbst zu Genießern erzieht.

[richW] Tun Sie sich das nicht an, denn die Realität ist hart und brutal genug. Und vor allem umzingelt die Wahrheit sie von allen Seiten. Die Daten zu dem leidigen Thema liefern Statistik, demoskopische Erhebung, Meinungsforschung. Dann weiß keiner mehr, wo er ansetzen soll, bei all dem eklatanten Mangel und schwindelerregenden Missständen. Ein Schwein nach dem anderen wird durchs Dorf getrieben, längst wieder vergessen, wenn der nächste kollektive Aufschrei erfolgt. So hielt sich lange die Mär von der lila Kuh. Und dabei malte nur ein Drittel der 40.000 Versuchskinder, die auf die Probe gestellt wurden, die Tiere auf der grünen Wiese nicht schwarz, weiß, braun oder gescheckt, sondern wie bei der Vollmilchschokolade. In Wirklichkeit aber können die Kleinen Werbung und Realität ganz schön auseinander halten. Das diagnostizierte Bambi-Syndrom machte die Story aber nicht besser oder besser gesagt: sorgte nicht für Aufregung oder höhere Auflagen. Viel bedrohlicher scheint jedoch die Tatsache, dass elf Prozent der Kinder glauben, Enten seien gelb, noch dazu nach sieben Prozent nur sechs Jahre zuvor (1997).

Nudeln mit Tomatensauce

Keine Zeit, keine Lust, Mutti kocht doch auch nicht. Wieso Aufwand, wenn’s auch schnell geht? Nudeln mit Tomatensauce sind das absolut höchste der Gefühle, wenn’s um warmes Essen geht. Nicht nur die Entschuldigungen junger Leute, um nicht selbst zu kochen, sind ernüchternd bis niederschmetternd. Bei der Nahrungsaufnahme glotzen Kinder auch noch ständig auf ihr Smartphone oder in den Fernseher, Jugendliche stopfen irgendwas in sich hinein. Teenager holen sich schnellschnell was to go, junge Berufstätige schieben Fertiggerichte in die Microwave oder ernähren sich von Fast Food. Um erst gar nicht von Süßigkeiten, Softdrinks oder Chips und Flips zu reden.

Nobody is perfect

Man muss auch nicht gleich zum Gourmet oder Asketen werden, aber ein bisschen mehr Bewusstsein, Engagement oder Disziplin dürften schon sein. Die Kids haben es zugegebenermaßen ziemlich schwer, jedenfalls aber nicht einfach: wenn es ums Essen geht, um regelmäßige und abwechslungsreiche Mahlzeiten, wann und wie und was sie so zu sich nehmen. Kochen, frische Zutaten, geschmackvolles und gesundes Essen, Genuss und Geselligkeit bei Tisch – eher selten kommt das bei jungen Leuten (gut) an. In den Lehr- und Studienplänen der Republik steht sowieso kaum etwas darüber: Schule und Nahrungsaufnahme – Fehlanzeige, Elternhaus und ausgewogene Ernährung – eine Frage des Einkommens. Essgewohnheiten von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen scheinen zumindest bedenklich, Studien und Umfragen führen zu manchmal besorgniserregenden Ergebnissen.

Rach deckt auf: Deutschlands Schulkantinen

Warten Sie immer noch auf die Nudeln mit Tomatensauce? Ich nicht, denn ich bin froh, dass ich sie niemals zu Gesicht bekommen habe noch davon kosten musste. Hat dieser Text dann überhaupt einen Sinn, werden Sie fragen!? Ja, nicke ich Ihnen aufmunternd zu, und der geht so: Auf meine Frage, was es heute in der Schule zu essen gegeben hätte, kotzte mir mein Sohn lakonisch meist diese Antwort ins Gesicht: „Nudeln mit Tomatensauce.“ Wie bereits erwähnt, regen Sie sich jetzt bitte nicht über das auf, was an Deutschlands Schulen (falsch) läuft! Denken Sie nicht über strukturelle Bildungsmisere oder das Fehlen ganztägiger Schulangebote nach! Versuchen Sie auch nicht Defizite des G8 und mangelnde Schulkantinenqualität zu googeln! Damit Ihr Aufschrei später auch wirklich aus vollstem Halse und tiefstem Herz ertönt sein möchte.

„Die Tomatensauce war wässrig und die Nudeln verkocht“, war alles, was ich zu diesem Thema noch aus F. höchstens herausbringen konnte. Weitere Kostproben gefällig? Die Bolognese schmeckte nach Sand, die Pfannkuchen nach Tempo, das Schnitzel nach Sägespänen, der Kartoffelbrei war matschig, der Auflauf Pampe und alles roch nach altem Fett. So richtig genießbar waren eigentlich nur Pizza, die sah wie immer aus und fühlte sich im Mund genauso an sowie, mmh, lecker, Currywurst mit Pommes. Halt, halt! Nicht die Augen verdrehen, nicht die Messer wetzen! Jeder kann auf den ersten Blick erkennen, dass die Speisekarte der Mensa in der kirchlichen Schule, die mein Sohn F. besuchte, zwar das tägliche Brot, aber bestimmt keine gute Speis‘ und der Cola-Automat auch keinen guten Trank versprach. Dennoch, zwei gute Dinge hatte das Ganze: Einmal das Präteritum, denn F. hat die Schule bereits abgeschlossen. Und zweitens, dass dieser Schweinefraß die Geschmacksnerven meines Sohnes sensibilisierte. Denn plötzlich lobte er das Mittagessen zu Hause, lehnte sich satt und zufrieden nach dem gemeinsamen Abendessen zurück, wünschte sich immer öfter bestimmte Gerichte, lobte deren Machart, kritisierte Zutaten, Gewürze, Geschmack.

Tortellini mit Sahnesauce

Kitzeln Sie also den Stier an den Hörnern, packen Sie das Kind bei seinem Interesse, reden Sie über Essen, Trinken, Wasser, Wein und lassen den Nachtisch niemals sein! Beginnen Sie Ihr Kind, ans Kochen heranzuführen, schicken Sie es erstmal zu kleinen Einkäufen! Erklären Sie dann, warum frische Kräuter das Essen bereichern, besser schmecken als getrocknete aus der Dose! Erläutern Sie Zusammensetzung und Inhaltsstoffe des Abendessens, bei aufkeimendem Desinteresse im Dialog mit Ihrem Partner, beziehen Sie ihr Kind dann einfach mit ein, veranschaulichen Sie z.B. die Wirkung einzelner Vitamine! Schließlich können Sie kleine Aufträge erteilen, Ihr Kind soll das Gemüse schnippeln, die Kartoffeln kochen, das Gyros anbraten. Von da bis zum ersten selbst gekochten Abendessen ist es dann nicht mehr weit.

Mein Sohn F. kann heute schon Burritos oder Tacos, Lasagne, Pfannkuchen oder Tortellini mit Sahnesauce (kochen). Experience und Practice, wie die Briten zu sagen pflegen, kommen von ganz allein. F. muss nicht mehr in die Schulkantine gehen, trinkt wie immer Wasser zum Essen und fängt im Oktober an zu studieren. Neulich war er mit einer Freundin in einer WG bei Studienkolleginnen und –kollegen zu Gast. Alle zusammen haben sie Huhn in Erdnusssauce und Reis mit Kichererbsenmus gekocht. „Das könnte ich doch auch einmal für Euch zum Abendessen machen“, lautete sein Angebot. „Au ja, Kichererbsenmus, mmh, da freu‘ ich mich drauf“, gluckste meine Frau und hob ihren leeren Teller, um noch eine kleine Portion Tortellini mit Sahnesauce abzukriegen.

Bärenbeeren, Jugendfeind und offene Briefe

Ich gebe zu, pädagogische Appelle oder Botschaften mit dem Zeigefinger sind eigentlich ein Graus. Verzeihen Sie mir also die beiden letzten Absätze. Vielleicht auch die lila Kühe und gelben Entchen. Deren Sinn und Zusammenhang erschließt sich natürlich nicht sofort und führt zugegebenermaßen auch ein bisschen vom eigentlichen Duft des Themas weg. Schwamm drüber mit dem schnellen und (hoffentlich nicht zu) einfachen Rezept besagter Tortellini mit Sahnesauce, egal ob die Tortellini jetzt selbstgemacht sind oder nicht. Dazu noch ein kleiner (literarischer) Tipp zu den Entchen. Also: Zwiebeln, Knoblauch, Paprika und Schinken; Salz, Pfeffer, Muskat; Sahne; Tortellini aufsieden, in Butter wenden, bis Sie braun werden, Salbei kurz mit andünsten; Parmigiano. Begehen Sie aber nicht den Fehler, zu viel Sauce zu den Tortellini zu machen. Kinder und Jugendliche können, wenn es ihnen schmeckt, tagelang gnadenlos sein und mit Heißhunger und Genuss tagein tagaus immer wieder dasselbe Gericht essen. Tortellini mit Sahnesauce hängt ihnen nie zum Halse heraus.

Die Entchen, Jugendfeind oder offene Briefe zum Beispiel an Benedikt XVI., Samuel Schmidt, Jürgen Fitschen oder Bahnchef Grube, dazu noch viele weitere köstliche literarische Rubriken, Büchererfahrungen, Philologisches, Philosophisches sowie auch eigene Erzählungen finden Sie auf der Website fackelkopf.de. Die wie auch die Entchen stammen von dem in Kleinostheim geborenen und in Berlin lebenden Schriftsteller Bruno Preisendörfer: „An gewissen trostlosen Tagen, wenn der Dämon der Niedergeschlagenheit umher schleicht, tue ich kindisch und schreibe Gedichte.“

Eines gefällig:

Bärenbeeren
Der Himbär isst gern Teddybeeren,
dem Erdbär schmecken Eisbeeren gut.
Der Heidelbär pflückt Grizzlybeeren,
Braunbeeren machen Brombär Mut.
Der Hollunderbär liebt Waschbeeren arg –
– ist das nicht beerenstark?

(Ein Gedicht von Bruno Preisendörfer)

Im Oktober 2013 ist mein Buch »Foodblogs und ihre besten Rezepte« im Hädecke Verlag erschienen.



Gourmand World Cookbook Award Winner 2014 for Germany. Category »Blog«.



48 kulinarische Erzählungen und Rezepte von 12 deutschsprachigen Foodblogger/innen. Nachgekocht, fotografiert und genussvoll verzehrt von Ariane Bille. Konzipiert und kreiert als Buch, App und Blog.


Vice Content Network

»Das Buch bringt viele Perspektiven zusammen und kommt so der kulinarischen Bewegung im Web erstaunlich nahe – ihren Protagonisten und Motiven, der Kochlust samt Rezepten.« Valentinas-Kochbuch



Mizzis Küchenblock | Der Genussblog von Hädecke