Kulinarische Momentaufnahmen
Jodhpur, Bahnhofsrestaurant © Robin Ahle
Sonntag, 15. Juli 2012 - von Ariane

Indien in Bildern Teil 3 – Jodhpur

Der Sommer lässt uns im Stich. Die Erinnerungen an unsere Indienreise im Februar sind ein großer Trost für mich. Sommer, Sonne und Hitze hatten wir dort reichlich. Etwas Positives kann ich dem Sommer, der ja keiner ist, doch abgewinnen: Anstatt mich in die Sonne zu legen, finde endlich Zeit um meine Reiseerinnerungen in Worte zu fassen. Heute ist Jodhpur an der Reihe, die blaue Stadt im Osten der Wüste Thar .

Udaipur – Jodhpur, 20.02.2012

  • Horn OK please: Verkehrssicherheit? Noch nie was davon gehört. Hier fährt jeder wie er will. Meistens im Gegenverkehr. Der Stärkere gewinnt, die Hupen sind im Dauereinsatz. »Horn OK please« lese ist auf den bunt verschnörkelten, absolut überladenen Tatas, die sich zusammen mit Rikschas, Tuk Tuks, Kühen, Hunden und Fußgängern, die meterhohe Lasten auf dem Kopf tragen, die Straßen teilen. Horn please. Ich hab´s verstanden. Aber was soll bitte das OK in der Mitte? Wikipedia hat gleich mehrere Antworten: Eine der Theorien besagt, dass das OK eine Abkürzung für »On Kerosene« ist. Im 2. Weltkrieg wurden die Trucks mit Kerosinmotoren gebaut und da dadurch beim leichtesten Zusammenprall Explosionsgefahr bestand, wurden die Fahrzeuge mit dieser Warnung dekoriert.
  • Provision: Kommissionsgeschäfte sind in Indien ein Wirtschaftszweig, sie gehören zum indischen Alltag. Wir sind darauf vorbereitet, dass uns unser Fahrer überteuerte Touri-Restaurants und -Hotels vorschlagen wird, bei denen er saftige Provisionen kassieren kann, die dann am Ende auf unserer Rechnung stehen werden. Und so kommt es auch. Wir haben Verständnis dafür, spielen das Spiel aber aus Prinzip nicht mit und weigern uns auch nur einen Fuß in die Restaurants zu setzen, vor denen aneinander gereihte Reisebusse parken.
  • Fort und Palast: Auf dem Weg nach Jodhpur durchfahren wir einen Teil der Aravallibergkette, bewundern das mächtige Fort von Kumbhalgarh und die beeindruckende Jain-Architektur des Adinatha-Tempel von Ranakpur.
  • Ankommen: In der Dämmerung erreichen wir verschwitzt und hungrig die Tore der zweitgrößten Stadt Rajasthans: Jodhpur. Das Govind Hotel in der Nähe des Bahnhofs ist unser Ziel. Uns erwartet ein stickiges, dunkles Zimmer. Sauber ist es für indische Verhältnisse. Vom Rooftop blicken wir auf die pulsierende Stadt und schmieden Pläne für den nächsten Tag.
  • Fresshalle: Der Hunger ist nicht mehr auszuhalten. Wir suchen im Reiseführer nach einem Restaurant, das zu Fuß erreichbar ist. Im Restaurant des Bahnhofs finden wir uns wieder. Restaurant? Fresshalle! Neonlicht, Linoleumboden, Ventilatoren, Plastikstühle. Beim ersten Anblick des Saals muss ich mich überwinden das »Restaurant« nicht rückwärts zu verlassen. Der Liebste ist mutig und bestellt uns beiden Dhal mit Chapati. »Da kann nix passieren, das vertragen wir! Außerdem ist eine Bahnhofsküche immer in Betrieb, hier wird alles frisch zubereitet.« Es schmeckt gar nicht so schlecht. Ich will trotzdem nicht wissen wie die Küche von Innen aussieht. Wir bezahlen zusammen 85 Rupien, das sind umgerechnet 1.25 €. Mehr muss ich dazu nicht sagen.
  • Gute Nacht: Erschöpft lassen wir uns unter unserem Moskitonetz vom Fernsehprogramm berieseln, draußen vor dem Hotel beruhigt sich der Verkehr, Jodhpur geht Schlafen.

Jodhpur, 21.02.2012

  • Wiedergeburt: Früh am Morgen, nach dem Frühstück auf dem Rooftop, lassen wir uns von einer Rikscha auf den 130 m hohen Felsen fahren, auf dem das Mehrangarh Fort trohnt. Audioguides führen uns durch die alten Gemäuer, wir erfahren die Mythen und Legenden über die einstigen Bewohnern des Forts, die behaupteten von der Sonne abzustammen und plötzlich, wen seh ich da? Paul? Bist Du das? Mein kleiner Bruder blickt mich mit Turban und Schnurrbart als Maharaja verkleidet aus einen Ölgemälde an. Sardar Singh, Maharaja of Jodhpur heißt das indische Original. 1895 wurde der 15-jährige zum Maharaja ernannt. Wiedergeburt? Vielleicht ist ja doch was dran am hinduistischen Glauben …
  • Blaue Stadt: Von der Mauer des Forts blicken wir auf ein Meer blauer Häuser. Der blauen Farbe, die auch die traditionelle Kennzeichnung der Kaste der Brahmanen ist, wird eine Moskito abwehrende Wirkung nachgesagt.
  • Bhurji, Bhurji, Bhurji: Unser Spaziergang vom Fort in die chaotische Altstadt macht hungrig. Im Midtown Restaurant belohnen wir uns mit Thali, Paneer Bhurji und einem Stapel Chapati. Danach geht’s weiter, ich brauch Stoff. Im Laden nebenan werde ich fündig, hier Stapeln sich bis zur Decke in allen erdenklichen Farben schimmernde Stoffe. So viel Auswahl! Der Liebste wartet ungeduldig vor dem Laden, damit ich mich schneller entscheide.
  • Betelpfeffer: Gut gelaunt trage ich meine Seidenschätze über den Gemüsemarkt. Flatsch. Ich spüre etwas Nasses meinen Fuß hinunterlaufen. Ich blicke nach unten. Spucke. Blutrot. Auf meinem Fuß! Die Gute Laune ist dahin. Die spuckenden Betelkauer habe ich schon lange beobachtet, überall hinterlassen sie ihre roten Spuren, sie spucken aus fahrenden Rikschas, an Hauswände oder mitten auf den Weg. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie mich erwischen würden.
  • Die Qual der Wahl: Meine Einkaufslust kann so schnell niemand bremsen. Auch kein spuckender Betelkauer. Ich will Gewürze! Kardamom und Mango Powder stehen auf meiner Einkaufsliste. Die finde ich bei M.V. Spices in der Nähe vom Clock Tower. Der Liebste hält mich davon ab die Regale leer zu kaufen und erinnert mich an meinen sowieso schon überfüllten Rucksack. Spielverderber!
  • Jaggi: Zurück im Hotel machen wir es uns auf der Dachterasse bequem. Jaggi, der freundliche Besitzer des Hotels, setzt sich zu uns und unterhält sich stundenlang mit dem Liebsten über Gott und die Welt, während ich Postkarten schreibe (die Deutschland bis jetzt noch nicht erreicht haben). Jaggi serviert Cuba Libre. Für uns ohne Eiswürfel. Danach hat der Liebste eine Facebook-Freund mehr und Jaggi eine neue Geschäftsidee: Cooking Classes.

Jodhpur – Jaisalmer, 22.02.2012

  • फिर मिलेंगे! Adieu! Im Morgengrauen verlassen wir die blaue Stadt und brechen auf nach Jaisalmer, in die goldene Wüstenstadt.

Indien in Bildern Teil 1 – Mumbai
Indien in Bildern Teil 2 – Udaipur
Delhi-Belly, Patnem-Beach und Surya’s Beach Café in Goa

Kommentare

  1. Simon - 16. Juli 2012 um 11:32

    Bei MV Spices konnten wir auch nicht wiederstehen ;) Aber unsere 7 (oder 8?) Gewürze haben sich gelohnt! :) Toller Laden!

  2. Frank - 16. Juli 2012 um 13:55

    Hab (ohne zu lesen) echt zuerst gedacht, der Maharaja sei der von Dir photogeshopte Paul! Also tatsächlich Wiedergeburt :-)

  3. Ariane - 16. Juli 2012 um 18:36

    Simon: Hach … und ich hab nur zwei Pakete mitgenommen. Das ärgert mich jetzt noch!
    Frank: Nee, der ist echt. Du kannst also stolz sein, einen ehemaligen Maharaja zum Nachbarn zu haben ;)

Kumbalgarh © Ariane BilleTempel von Ranakpur © Robin AhleBlick auf Jodhpur © Ariane BilleSardar Singh, Maharaja of Jodhpur und mein Bruder PaulBlaues Haus in Jodhpur © Ariane BilleSingende Kinder in Jodhpur © Robin AhleThali und Bhurji im Midtown Restaurant, Jodhpur © Ariane BilleGemüsemarkt, Jodhpur © Ariane BilleGemüsemarkt, Jodhpur © Ariane BilleIm Gewürzladen © Robin AhleDachterasse des Govind Guest House, Jodhpur © Ariane Bille

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