Kulinarische Momentaufnahmen
Kaltmamsell-Vorspeisenplatte
Samstag, 12. Juni 2010 - von Ariane

Kaltmamsell

Update Mai 2013: Alle Interviews, die hier im Blog zu lesen sind, habe ich für das erscheinende Buch in der Caramelized-App (Juni 2013) und im Hädecke Verlag (Herbst 2013) komplett überarbeitet und ergänzt. Hier im Blog sind sie noch in der alten Version zu lesen.

Die Vorspeisenplatte der Kaltmamsell ist kein typischer Foodblog. Das Essen als Thema steht nicht im Vordergrund, sondern findet in einem Teilbereich des Blogs seine Erhörung.

Die Welt der Foodblogs hat viele Facetten – genau dieser Aspekt findet sich in der Vorspeisenplatte wieder.

Ariane: Kaltmamsell, den Blognamen „Vorspeisenplatte“ assoziiere ich in erster Linie mit Kulinarik. In Deinem Blog dreht sich jedoch nicht alles um das Essen und Trinken, dieser Bereich bildet nur einen Thementeil. Wieso hast Du Dich trotzdem für einen Namen entschieden, der auf den ersten Blick etwas Kulinarisches suggeriert?

Kaltmamsell: Mein Blog sollte von Anfang an eine Ecke für Rezepte haben – reine Foodblogs entwickelten sich ja erst in späteren Jahren. Gleichzeitig fand ich das Wort Vorspeisenplatte ganz besonders schön, zumal ich plante, eher Texthäppchen zu veröffentlichen als ausführliche Texthauptgerichte. Und dann entdeckte ich auch noch, dass die Domain www.vorspeisenplatte.denoch zu haben war. Damals, 2003, dachten sicher wenige Leser bei einem Blog namens Vorspeisenplatte an Kulinarisches – die Bloglandschaft war noch weit weniger differenziert als heute. Eines der renommiertesten Blogs war damals auf Antville eines namens Sofa – niemand nahm an, dass es hier um Möbel gehen würde.

Ariane: Da Du Dich offensichtlich in beiden Blogwelten zu Hause fühlst, wie unterscheidet sich das klassische Bloggen vom Foodbloggen? Warum ist die Atmosphäre unter Foodbloggern, im Gegensatz zur restlichen Blogosphäre, eher herzlich und harmonisch. Was denkst Du?

Kaltmamsell: „Klassisches Bloggen“ war immer schon schwer zu definieren. Die Blogs, die ich hauptsächlich lese und die keine Foodblogs sind, sind persönliche Geschichtenblogs. Der Medienberichterstattung entnehme ich, dass diese Art Blogs öffentlich überhaupt nicht wahrgenommen wird; sie gelten sicher nicht als „klassische Blogs“. Diese persönlichen Geschichtenblogs unterscheiden sich von Foodblogs durch die erheblich geringere Vernetzung: Unter anderem weil sie weniger harte Fakten enthalten, werden sie weniger verlinkt, auch weniger kommentiert. Foodblogs regen allein schon durch ihr Thema dazu an, Tipps in den Kommentaren zu geben, Anregungen aufzunehmen und im eigenen Blog weiterzuverarbeiten. Diesen Anlass zur Interaktion bietet eine Geschichte, wie sie zum Beispiel auf dem Blog der wunderbaren Madame Modeste erscheint (http://modeste.twoday.net/stories/mutter/) nicht.
Einen essentiellen Unterschied nennt Bov Bjerg in seinem Blog, auch wenn sein Beispiel Strickblogs sind: http://bov.antville.org/stories/1989046/
In Foodblogs kommentieren fast ausschließlich Leute, die Ahnung vom Thema haben und nicht lediglich eine Meinung äußern.

Ariane: Du schreibst Deinen Blog seit 2003 und zählst zu den Foodblog-Pionieren. Wie hast Du das Bloggen für Dich entdeckt, wie hat sich die Vorspeisenplatte seitdem verändert und welche Bedeutung hatte der Bereich „Essen und Trinken“ dabei?

Kaltmamsell: Ich habe zu Zeiten mit dem Bloggen angefangen, als es noch „das Blog“ hieß, weil es von „Logbuch“ abgeleitet wurde. Der Begriff tauchte in dem brandeins-Forum auf, in dem ich damals mitdiskutierte (längst zu OpenBC, heute Xing, übersiedelt). Zunächst sah ich es als hervorragendes Ventil für meinen Mitbewohner, seine Recherchen zu sehr besonderen Interessen zu veröffentlichen: Wenn er sie ins Internet schriebe, so kalkulierte ich, müsste ich mir nicht regelmäßig teils ermüdende Details anhören, zudem bestünde so die Chance, dass er ähnlich Interessierte finden würde. Und während ich ihn zu dieser großartigen neuen Publikationsform überredete, fielen mir ständig Themen und Texte ein, die ich posten würde, hätte ich selbst ein Blog. Das ich mir kurz darauf einrichtete. Im Grunde eine ganz logische Entwicklung, weil ich schon immer auch privat viel geschrieben habe, aus Lust am schriftlichen Formulieren, an Wörtern, am Erzählen.
„Essen und Trinken“ gehörte auch damals zu den Themen, die mich sehr interessierten. Ich hielt es für übersichtlicher, wenn ich Rezepte auf einer separaten Seite veröffentlichte, die Teil des Blogs war.
Im Grunde hat sich seither nicht viel verändert. In den ersten Monaten des Bloggens wurde ich sprachlich und thematisch selbstsicherer, weil ich immer mehr verinnerlichte, dass ich keinen Ansprüchen genügen muss (anders als beim beruflichen Schreiben). Aber sonst ist alles gleich geblieben – inklusive dem hässlichen Blog-Layout, das ich seit 2003 nie verändert habe.

Ariane: Wieso macht es Dich glücklich, über‘s Essen zu schreiben?

Kaltmamsell: Weil Essen ein sinnliches Thema ohne Anrüchigkeit ist. Essen und Nahrungsmittel haben mich seit frühester Kindheit gefesselt; ich mache das gerne daran fest, dass ich mich beim Erinnern an die Bücher, die ich als Kind gelesen habe, am deutlichsten an Passagen über oder Illustrationen mit Speisen erinnern kann. (Das ist bis heute so geblieben.)

Ariane: Welches war Dein erstes nachgekochtes Rezept aus einem Blog?

Kaltmamsell: Ich musste nicht eine Sekunde nachdenken: Das war die Kürbislasagne von Don Dahlmann.http://don.antville.org/stories/168787/
Dons Blog gehörte mit dem von Anke Gröner (http://www.ankegroener.de/) und dem von Lyssa (http://www.lyssas-lounge.de/peepshow/) zu den ersten Blogs, die ich entdeckt hatte und regelmäßig las – erst mal rückwärts von Anfang an. So stieß ich auf das Rezept, das sich genau so gut las, wie das Gericht dann schmeckte.

Ariane: Zum Repertoire Deiner Internetlektüre zählen auch englischsprachige Foodblogs. Wie unterscheidet sich die deutschsprachige, von der englischsprachigen Foodblogosphäre?

Kaltmamsell: Während ich große Unterschiede in der sonstigen deutsch- und englischsprachigen Bloglandschaft sehe (englischsprachig: viel stärker Informations-orientiert; deutschsprachig: eher literarisch), sehe ich bei Foodblogs keine Unterschiede. In beiden Sprachen gibt es großartige Fotos, wird über Zutaten und Zubereitungsarten gefachsimpelt, wird einander unterstützt, wird genetworkt. Der Unterschied liegt eher in der Rezeption durch die etablierten Medien: Im englischsprachigen Raum schätzen Printmedien die Kompetenzen und die Inhalte von Foodblogs mehr, nutzen sie, vernetzen sich. Ob es wohl den Online-Ableger einer deutschen Tageszeitung gibt, der wie Times online, nicht nur regelmäßig die besten Foodblogs kürt, sondern sie auch dauerhaft promotet und verlinkt?

Ariane: Kaltmamsell, Du bloggst unter einem Pseudonym um Dein berufliches von Deinem bloggenden Leben zu trennen. Viele Deiner Kollegen, und gerade die aus den journalistischen Bereichen, sehen das Bloggen auch als eine Art Multiplikator an. Warum willst Du unerkannt bleiben?

Kaltmamsell: Meine berufliche Kompetenz spiegelt sich nicht in meinem Blog; ich hätte also nichts davon, wenn ein beruflich Interessierter beim Googlen meines Namens auf mein Blog stieße. Im Gegenteil: Er erführe viel persönliche Information, die eine berufliche Zusammenarbeit belasten könnte.
Die Multiplikationsfunktion nutze ich auf der rein privaten Ebene: Ich vernetze mich mit Menschen, die ähnliche Interessen haben wie ich und profitiere davon –  finde Seelenverwandte auf dem halben Erdball, denen ich ohne das Internet niemals begegnet wäre.

Ariane: Wie würdest Du das Verhältnis der klassischen Medien gegenüber Blogs und speziell Foodblogs beurteilen?

Kaltmamsell: Foodblogs werden von deutschen Printmedien fast genauso wenig ernst genommen wie Strickblogs. Wie das konkret bei Foodmagazinen aussieht, kann ich allerdings nicht beurteilen, weil ich diese nicht lese. Genauso wenig weiß ich über den Austausch zwischen Foodblogs und Kochshows im Fernsehen: Ich sehe sie nie.

Ariane: Das Thema Kochen und Essen ist aus den Medien kaum wegzudenken. Leider führt der allgemeine Kochwahnsinn jedoch nicht dazu, dass sich die Nation plötzlich richtig ernährt. Fastfood und Lebensmittel aus dem Discounter sind weiterhin auf dem Vormarsch – gesunde Ernährung ist in vielen Familien immer auch eine Frage des Einkommens. Wie erklärst Du Dir diese widersprüchlichen Entwicklungen?

Kaltmamsell: Dass gesunde Ernährung („Eat food. Not too much. Mostly plants.” –http://www.amazon.de/Defense-Food-Eaters-Manifesto/dp/0143114964/) nichts mit der Einkommenshöhe einer Familie zu tun hat, wurde wieder und wieder bewiesen. Sie hat viel mehr mit dem Bildungsgrad zu tun, mit dem Wissen über die Herkunft von Nahrungsmitteln und über Zubereitungsarten. Gleichzeitig regiert vor allem in Deutschland beim Thema Ernährung die kognitive Dissonanz: Tierversuche sind böse, aber wenn das Schweineschnitzel nur billig ist, verdrängen die meisten, dass die Sau dafür unnötig gelitten hat. In der Auswirkung des allgemeinen Ernährungsverhaltens auf das Gesamtsystem Umwelt sehe ich ein größeres Problem als in sogenanntem ungesunden Essen. Die Lebenserwartung in der westlichen Hemisphäre steigt und steigt – obwohl wir uns angeblich immer weniger gesund ernähren. Die widersprüchliche Entwicklung erkläre ich mir mit falschen Schwerpunkten in der Ernährungsinformation: Solange es vor allem darum geht, welches Gemüse Krebs verhindern kann oder mit welchen kalorienreduzierten High-Tech-Joghurt man abnimmt, wird sich das Bewusstsein für gutes Essen nicht ändern.
Doch unter anderem getrieben durch Foodblogs ist in England bereits von einer „foodie revolution“ die Rede; erste erfreuliche Symptome sehe ich auch in Deutschland.

Ariane: Stell Dir vor, Du würdest zusammen mit Claus Schlemmer von „Nur das gute Zeugs“ ein Essen zubereiten. Wie stellst Du Dir euer Kennenlernen vor, was würdet Ihr Kochen und welche Themen würden Diskussionspotential bieten?

Kaltmamsell: Ich wäre gespannt auf eine längere E-Mail von Claus: Schreibt er immer so wie in seinem Blog? Bei einer gemeinsamen Essenzubereitung wäre ich vermutlich unentspannt, weil fast zwangsläufig Kinder in der Nähe wären. Ich würde mir über Fußball und Weinbau erzählen lassen. Kochen würden wir vielleicht einen Eintopf.

Ariane: Kaltmamsell, vielen Dank für das Interview!

Foto: Kaltmamsell

Kommentare

  1. Vorspeisenplatte » Blog Archive » Foodblogs und Hochschule - 28. April 2010 um 10:09

    [...] [...]

  2. Eline - 28. April 2010 um 10:29

    Vorspeisenplatte: ein gerne gelesener Blog: gescheit, authentisch und originell. Schön, mal die Frau dahinter etwas zu erahnen.

  3. Linkdump for 16. März 2011 Links synapsenschnappsen - 17. März 2011 um 08:16

    [...] Kaltmamsell – KULINARISCHE MOMENTAUFNAHMEN – Die bunte Welt der Foodblogs – (Tags: Foodblogs History-of-Blogs Interview ) Dieser Beitrag wurde unter links abgelegt und mit Foodblogs, History-of-Blogs, interview verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. ← Linkdump for 16. März 2011 [...]

Interview mit der Kaltmamsell von der Vorspeisenplatte

Im Oktober 2013 ist mein Buch »Foodblogs und ihre besten Rezepte« im Hädecke Verlag erschienen.



Gourmand World Cookbook Award Winner 2014 for Germany. Category »Blog«.


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48 kulinarische Erzählungen und Rezepte von 12 deutschsprachigen Foodblogger/innen. Nachgekocht, fotografiert und genussvoll verzehrt von Ariane Bille. Konzipiert und kreiert als Buch, App und Blog.


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»Das Buch bringt viele Perspektiven zusammen und kommt so der kulinarischen Bewegung im Web erstaunlich nahe – ihren Protagonisten und Motiven, der Kochlust samt Rezepten.« Valentinas-Kochbuch



Mizzis Küchenblock | Der Genussblog von Hädecke