Kulinarische Momentaufnahmen
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Freitag, 8. April 2016 - von Ariane

Kulinarische Reisepost aus Japan 2: Ein Ramen-Erlebnis auf dem Tsukiji Fischmarkt in Tokio

Ich reise allein durch Japan! Damit ich mich nicht einsam fühle, teile ich meine Reiseeindrücke und Gedanken mit meinen Lieblingsmenschen. Heute bekommt meine Mama Post vom Tsukiji-Fischmarkt in Tokio.

Liebe Mama,

hätte ich doch auf dich gehört und meine Regenjacke eingepackt! Oder wenigstens einen Schirm. Gestern hat´s Hunde und Katzen geregnet. Das würde mich nicht mal wundern – hier in Tokio rechne ich mittlerweile mit allem!

Aber ich fange mal von vorne an, dir von meinem zweiten Tag in Tokio zu erzählen: Der beginnt um 4 Uhr in der Früh – Jetlag! Und außerdem habe ich Hunger. Ich schleiche in die Küche und nehme mir eine Banane aus der Obstschale, die ich dann im Bett esse und in „Kitchen“ von Banana Yoshimoto weiterlese. Das Buch war ein Tipp eines Facebook-Freundes, auf meine Frage, welche Reiselektüre ich nach Japan mitnehmen solle. Das Buch ist genau mein Ding, deswegen habe ich mir auch gleich noch Yoshimotos neuestes Werk „Mochi Mochi“ gekauft. Ihr Erzählstil trifft genau mein Lebensgefühl. Ihre genauen Beobachtungen, ihre Sensibilität für kleine Details und der immer wiederkehrende Bezug zum Thema Essen begeistern mich. Nachdem ich neulich den ersten Satz des Buchs gelesen habe, war es gekauft: „Der liebste Platz auf dieser Welt ist mir die Küche.“ Würdest du auch so unterschreiben, oder?

Nach der Banane ist an Schlaf nicht mehr zu denken. Deswegen beschließe ich den ersten Zug um 5 Uhr zu nehmen, um zum Tsukiji-Fischmarkt zu fahren. Überall habe ich gelesen, dass man dort am besten schon um 4:30 aufkreuzt, um die Thunfischauktion zu sehen. Außerdem steht Sushi Dai auf meiner Liste, da hat Stevan so von geschwärmt. Sushi zum Frühstück! Wieso eigentlich nicht? Schließlich kann ich machen was ich will. Ich komme mehr und mehr auf den Geschmack des Alleine-Reisens und muss dabei immer an deine Erzählungen aus New York denken.

Nach einer schnellen Dusche eile ich im Morgengrauen zur Bahn und vergesse, dass für heute Regen angesagt ist. Als ich aus der U-Bahn komme, regnet es in Strömen und ich frage ich mich, wie ich nun mit meiner Kamera (und Papas Objektiv) den Weg zum Fischmarkt schaffen soll. Im nächsten Supermarkt kaufe ich mir einen durchsichtigen Regenmantel. Kleidungstechnisch bin ich jetzt jedenfalls fast eingebürgert. Nasse Füße habe ich nach 5 Minuten trotzdem. Egal, da muss ich jetzt durch. Schließlich wartet das Sushi nicht für immer auf mich. Ich laufe als einziger Fußgänger zwischen gigantischen Wolkenkratzern über Zebrastreifen, die so aussehen, als seien sie gerade eben für mich auf den Asphalt gemalt worden. Wo ist denn jetzt nun der Fischmarkt?

Ich scheine etwas verloren zur wirken. Vielleicht winkt mich deshalb ein Mann im Auto an der Ampel aufgeregt zu mir? Was ich hier machen würde? Mir fällt nur „Fishmarket“ als Antwort ein. Der Mann lächelt zufrieden und drückt mir einen Plan in die Hand. Hier sind wir und da musst du hin! Arigato!

Die Japaner haben den Ruf freundliche Menschen zu sein. Aber das dieses Klischee so zutreffen würde, habe ich nicht geahnt. Irgendwie bekomme ich langsam das Gefühl in einer Mischung aus Wunderland und Computerspiel eingetaucht zu sein. Kann das wirklich alles wahr sein?

Mit dem Plan in der Hand betrete ich den Hintereingang des Fischmarkts. Glücklicherweise habe ich bei Stevan im Blog schon vorher von den „Killer Cars“ erfahren: Kleine Gabelstapler, die fast lautlos kreuz und quer in einem Affenzahn über den Markt sausen. Ohne zu hupen, das wäre unhöflich. Ich bin tatsächlich in einem Jump and Run-Spiel gelandet!

Zum Glück gibt es in Japan jede Menge menschliche Schutzengel. Auf dem Fischmarkt begegnen mir diese Schutzengel in Form von lebendigen Wegweisern, die immer an Ort und Stelle sind und darauf aufpassen, dass ich mich nicht an die falsche Wand lehne, oder auf eine Treppe setzte, auf der das Sitzen verboten ist. Überall in Tokio sorgen die mit Star-Wars-Lichtschwertern ausgerüsteten Schutzengel dafür, dass sich jeder an die Regeln hält. Mein persönlicher Schutzengel erklärt mir freundlich, dass der Markt erst um 9 Uhr für Besucher öffnet. Wie jetzt? Und was ist mit der Thunfischauktion? Ach, da muss man schon um 5 Uhr da sein? Wie soll das denn gehen, wenn um 5 Uhr erst die erste Bahn fährt?

Na dann eben Sushi bei Sushi Dai! Wenn man da wirklich so lange anstehen muss, wie Stevan es im Blog beschrieben hat, passt das ja. Ich laufe im Zickzack, den Gabelstaplern und Pfützen ausweichend, zum Restaurantbereich des Fischmarkts. Hier stoße ich auch sofort auf das Objekt meiner Begierde. Eine lange Schlange bahnt sich vor Sushi Dai. Hach, um 7 Uhr Morgens im Strömenden Regen für Sushi anstehen. Sowas Verrücktes! Aber was tut man nicht alles um das beste Sushi des größten Fischmarkts der Welt zu probieren? Irgendwann kommt wieder ein Schutzengel zu mir und erklärt, dass die Wartezeit momentan 6 Stunden dauern würde. Ich solle lieber wieder morgens um 5 Uhr wiederkommen. Wie bitte? Morgens um 5? Welcher normale Mensch tut sowas? Ach richtig, hier ist ja nichts normal.

Ratlos stehe ich im Regen und überlege was ich die nächsten zwei Stunden tun soll, bis der Fischmarkt öffnet. Jetzt wäre es doch schöner, nicht alleine zu Reisen. Sich selbst zu motivieren und bei guter Laune zu halten, fällt manchmal doch nicht so leicht. Bevor ich schlechte Laune bekomme, beschließe ich, dass eine heiße Nudelsuppe jetzt die beste Lösung ist. Ramen – genau danach ist mir jetzt! Ich suche in den kleinen engen Gässchen nach einem Lokal, dass gut besucht ist, aber ohne die dazugehörige Schlange.

Schlangen, dass sind auch so Dinge die mir hier in Tokio an jeder Ecke aufgefallen sind. Die Japaner scheinen gerne anzustehen: Vor der U-Bahn (es gibt dafür extra Markierungen auf dem Boden der Bahnsteige vor den Türen), an Ampeln, vor Aufzügen und natürlich auch vor Restaurants. Alles muss seine Ordnung haben! Aber das ist ja auch kein Wunder, schließlich leben in der größten Metropolregion der Erde mehr als 37 Millionen Menschen. Ohne all die Regeln würde es hier ziemlich chaotisch zugehen. Chaos – das ist das Letzte was ich in Japan erwarten würde.

Ich finde einen kleinen Ramen-Laden ohne englische Übersetzungen auf der Speisekarte. Das ist mir gleich sympathisch und ohne lang zu überlegen setze mich zu den schlürfenden Männern an die Theke.

Alleine Essen gehen ist jedes Mal auf´s neue eine Überwindung für mich. Wie schön wäre es, wenn du jetzt hier dabei wärst und mit mir die Suppe schlürfen könntest, Mama! Dann würde es mir auch viel leichter fallen Fotos von meinem Essen zu machen. Zum Glück fällt das in Japan kaum auf …

Da niemand Englisch spricht, deute ich einfach auf die Suppe, die der alte Mann neben mir genüsslich schlürft. Sofort muss ich an die Szene in Tampopo denken, in der der Suppenmeister seinem Schützling erklärt, wie man Ramen isst. Natürlich geht das nicht irgendwie – auch hier sind Regeln zu befolgen. Das Schlürfen ist eine davon. Man darf aber bloß nicht vergessen den Schweinebauch dabei anzugucken! Zum Glück schlürft der ganze Laden im Chor, da fällt mein zaghaftes ungeübtes Schlürfen gar nicht auf … Die Suppe schmeckt fabelhaft: Wan Tan, Wakame, Bambussprossen, Schweinebauch und Ramen. Perfekt abgeschmeckt, nicht überwürzt, die Nudeln haben noch Biss und ich gewinne langsam meine Energie und gute Laune zurück! So ein gutes Frühstück hatte ich lange nicht mehr!

Die nächste Schlange wartet vor dem Fischmarkt auf mich. Sie dient aber nur dazu die Touristen vor den Gabelstaplern zu retten. Nach 5 Minuten haben sich alle Wartenden auf dem riesengroßen Markt verteilt. Ich sehe außerirdisches Meeresgetier. In allen Farben, Formen und Größen. Neonrote Fische, gestachelte Krabben, gigantische Muscheln, Seeigel, Schnecken und Fischköpfe, die größer als mein eigener Kopf sind.

Während mein zweiter Tag gerade mal zur Hälfte vorbei gegangen ist, bekomme ich eine leise Ahnung davon, dass hier wirklich einiges anders und nichts normal ist. Aber auf eine äußerst entspannte Art und Weise, die ich so aus Asien nicht kenne. Tokio, du überwältigst mich!

Mama, du wärst mindestens genauso überwältigt wie ich! Wenn nicht sogar noch mehr – ich bin durch meinen Reisehunger ja irgendwie schon  verdorben … Wohin geht eigentlich unsere nächste gemeinsame Reise?

Müde Grüße aus Tokio von deiner Ariane

Kulinarische Reisepost aus Japan

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Im Oktober 2013 ist mein Buch »Foodblogs und ihre besten Rezepte« im Hädecke Verlag erschienen.



Gourmand World Cookbook Award Winner 2014 for Germany. Category »Blog«.



48 kulinarische Erzählungen und Rezepte von 12 deutschsprachigen Foodblogger/innen. Nachgekocht, fotografiert und genussvoll verzehrt von Ariane Bille. Konzipiert und kreiert als Buch, App und Blog.


Vice Content Network

»Das Buch bringt viele Perspektiven zusammen und kommt so der kulinarischen Bewegung im Web erstaunlich nahe – ihren Protagonisten und Motiven, der Kochlust samt Rezepten.« Valentinas-Kochbuch



Mizzis Küchenblock | Der Genussblog von Hädecke