Kulinarische Momentaufnahmen
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Sonntag, 10. April 2016 - von Ariane

Kulinarische Reisepost aus Japan 3: KitchHike in Tokio

Ich reise allein durch Japan! Damit ich mich nicht einsam fühle, teile ich meine Reiseeindrücke und Gedanken mit meinen Lieblingsmenschen. Heute ist meine Freundin Anna aus Berlin, die mich auf KitchHike aufmerksam gemacht hat, an der Reihe.

Liebe Anna,

wow! Danke für deinen großartigen Tipp! KitchHike ist genau das, nachdem ich gesucht habe. Man kommt mit Locals in Kontakt, kocht und isst mit ihnen und spaziert am Ende gemeinsam durch die Nachbarschaft. Geniale Idee! Wie gut, dass es Facebook gibt und du mir auf meine Frage, wo man in Japan authentische Kochkurse machen kann, den Link zu KitchHike geschickt hast. Ich habe die Plattform gleich am zweiten Tag meiner Japanreise in Tokio ausprobiert und Chikayo und ihren Sohn kennengelernt. Das Timing hätte nicht besser sein können. Gleich am ersten Tag hat es nämlich Hunde und Katzen geregnet, und nachdem ich 4 Stunden völlig durchnässt über den Tsukiji-Fischmarkt gelaufen bin, war mir nach einer warmen Wohnung, netten Menschen und selbstgekochtem Essen.

Nicht nur das Timing war perfekt, sondern auch der Ort. Tokio ist eine gigantische Stadt (klar, dass weißt du eh) und auch wenn die U-Bahn und JR-Linien super ausgebaut sind, verbringt man manchmal Stunden um ans Ziel zu kommen. Chikayo wohnt aber zum Glück nur 25 Minuten vom Tsukiji-Fischmarkt entfernt. Wir treffen uns an der U-Bahn Tsukishima Station, die sich auf einer kleinen Insel im Sumida River befindet. Von hier aus laufen wir zu Fuß zu ihr nach Hause. Wir machen einen kleinen Zwischenstopp an einem kleinen Tofu-Lädchen, wo es viele verschiedene Sorten frisch gemachten (u.a. Matcha-Tofu) zu kaufen gibt. Ich hätte mich am liebsten gleich damit eingedeckt, aber das hätte am Anfang der Reise wohl wenig Sinn gemacht.

Chikayo spricht nicht viel Englisch, aber wir verstehen uns trotzdem. Mit Händen und Füßen geht das immer, außerdem sind wir uns sympathisch und wir teilen eine Leidenschaft: Kochen und Essen. Das ist quasi unsere eigene Sprache.

Angekommen in Chikayos Wohnung staune ich nicht schlecht: Der Ausblick von ihrem Balkon ist der Hammer. Ist ja auch kein Wunder, schließlich befinden wir uns im 16. Stock. Mir wird zum ersten Mal bewusst, wie riesig Tokio ist und ich freue mich, dass ich gleich an meinem ersten Tag so eine Sicht über die Stadt habe, die wahrscheinlich nur die wenigsten Touristen von diesem Punkt genießen können.

Chikayo stellt mir ihren Sohn vor, der ein bisschen für uns übersetzt und später mit uns essen wird. Außerdem bekomme ich trockene Socken und eine nach Eukalyptus duftendes Pflaster für meinen schmerzenden Fuß. Ich fühle mich gleich ein bisschen zu Hause.

Dann beginnen wir auch schon zu kochen. Chikayo führt mich heute in Washoku, die traditionelle japanische Küche, ein. Dazu gehört immer eine Suppe, eine Schale Reis und andere kleine, saisonal abhängige Gerichte. Bei uns sind es heute neben Sumashijiru, der Suppe, drei Gerichte: Nikujaga (gekochtes Gemüse mit hauchdünnem Schweinefleisch), Nizakana (ein Fischgericht), Somonomo (Gurkensalat mit Wakame-Algen und winzig kleinen Fischchen).

Ich versuche brav alles mitzuschreiben, was mir wegen der kleinen Sprachbarriere nicht immer gelingt. Außerdem soll ich ja auch mithelfen!

Chikayo und ich haben Spaß zusammen. Sie ist gut vorbereitet und organisiert. Wir kochen die drei Gerichte innerhalb von einer Stunde. Alle Zubereitungsschritte sind genau getacktet, dabei legt Chikayo sehr viel Wert auf Ordnung und Sauberkeit.

Der Ordnungsfimmel der Japaner ist mir schon an einigen anderen Stellen aufgefallen. Ging dir das  auch so, also du in Japan unterwegs warst? Zum Beispiel sind Baustellen immer mehrmals abgezäunt und mit einem Sichtschutz umsehen, sodass man keinen Dreck zu sehen bekommt. Alles ist geordnet und hat seinen eigenen Platz. Auch in meinem Airbnb gibt es für jeden Gast eigene Körbchen für Zahnbürste und Kosmetik. Das Körbchen steht dann wieder in einem Regal, dessen Fach mit meiner Zimmernummer beschriftet ist. Selbst am Handtuchhalter hängen diese kleinen Beschriftungen. Auch aus der Mülltrennung wird hier eine Wissenschaft gemacht. Ich hätte niemals gedacht, dass es eine kompliziertere Methode als die deutsche geben würde! Verrückt, oder?

Zurück zu unserer Kochsession. Wir kochen heute einfache, alltägliche japanische Gerichte. Die traditionelle japanische Küche wurde übrigens vor ein paar Jahren unter dem Sammelbegriff Washoku in die UNESCO-Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen.

Washoku ist eine leichte, gesunde und saisonale Küche. Die Basiszutaten aller Gerichte, die wir heute kochen, sind Mirin (Reisessig), Sojasauce und Sake (Reiswein), die Chikayo in Bioqualität kauft. Darauf legt sie sehr viel Wert und betont es mehrmals. Soweit ich sie verstehe, hat Chikayo Ernährungswissenschaften studiert und sich schon immer für gesundes Essen und die Bewahrung der japanischen Ernährungstradition interessiert.

Und dann ist das Essen auch schon fertig! Die Speisen werden mühevoll auf kleinen Tellern und in Schalen arrangiert und in einer bestimmten Reihenfolge auf einem dunkelroten Tischset serviert. So ist es der Brauch. Essen darf man aber zum Glück alles durcheinander, da gibt es keine Reihenfolge! Ich koste den zarten Fisch, den perfekt gegarten Reis, das leicht würzige Gemüse, den frischen nach einer Prise Meer schmeckenden Gurkensalat und die feine Suppe, die schon fast zu schön ist um sie zu essen. Jedes der Gerichte ist auf seine eigene Art und Weise subtil, sodass alle Gerichte zusammen passen.

Es gibt natürlich auch Nachtisch: Wagashi (japanische Süßigkeiten). Jeder darf sich ein eigenes Daifuku aussuchen. Das sind kleine Reiskuchen aus Mochi und Klebreismehl, die unterschiedlich gefüllt sind. Ich liebe die Dinger! Soll ich dir welche mit nach Berlin bringen?

Und dann, zum krönenden Abschluss, präsentiert mir Chikayo noch eine kleine Matcha-Teezeremonie.

Nach all der Schlemmerei wollen wir uns noch etwas die Beine vertreten. Es hat mittlerweile aufgehört zu regnen und so laufen wir ein Stückchen am Sumida River entlang, bestaunen die Sakura (japanische Kirschblüte) und am Ende unseres Spaziergangs  hat Chikayo noch eine kleine Überraschung für mich: In einem der ältesten Tsukudani-Läden darf ich einen in Sojasauce und Mirin eingelegten Grashüpfer probieren. Die Ladenbesitzerinnen und auch Chikayo staunen nicht schlecht und freuen sich, dass ich das ohne Ekel gerne tue. Schmeckt super! Knusprig, süß, salzig und ein kleines bisschen sauer auf einmal.

Was für ein wunderbarer erster Tag in Tokio! Domo Arigato, Chikayo! Und danke besonders an dich, Anna, für diesen wirklich großartigen Tipp!

Wir sehen uns im Mai in Berlin und dann erzählst du mir von deiner Brasilien Reise!

Freudige Grüße aus Tokio
Ariane

Kulinarische Reisepost aus Japan

Kommentare

  1. Anita - 22. September 2017 um 13:11

    Sieht auf jeden Fall sehr lecker aus. :-)

  2. Isabel - 27. Oktober 2017 um 19:13

    Hallo Ariane, ich reise gerade durch Japan und wprde auch gerne mit Chikayo kochen. Kannst du mir sagen, wie ich sie kontaktieren kann? Aus der KitchHike- Seite werde ich nicht schlau… Danke im Voraus!
    Isabel

  3. Ariane - 28. Oktober 2017 um 11:57

    Hallo Katharina, oh wie schön! Ich bin so neidisch! Hier findest du Chikayos Profil: https://kitchhike.com/jp/popups/584ea6f8528beb200b0002dc Ansonsten kannst du auch versuchen sie über Facebook zu erreichen. Ihr voller Name ist Chikayo Ono. Liebe Grüße und viel Spaß!

  4. Isabel - 4. November 2017 um 14:56

    Vielen Dank Ariane! Heute habe ich Emi in Kyoto grtroffen. Ein fantastische, authentisches Kocherlebnis!!
    Liebe Grüße aus diesem so wunderbaren Land

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Im Oktober 2013 ist mein Buch »Foodblogs und ihre besten Rezepte« im Hädecke Verlag erschienen.



Gourmand World Cookbook Award Winner 2014 for Germany. Category »Blog«.



48 kulinarische Erzählungen und Rezepte von 12 deutschsprachigen Foodblogger/innen. Nachgekocht, fotografiert und genussvoll verzehrt von Ariane Bille. Konzipiert und kreiert als Buch, App und Blog.


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»Das Buch bringt viele Perspektiven zusammen und kommt so der kulinarischen Bewegung im Web erstaunlich nahe – ihren Protagonisten und Motiven, der Kochlust samt Rezepten.« Valentinas-Kochbuch



Mizzis Küchenblock | Der Genussblog von Hädecke