Kulinarische Momentaufnahmen
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Samstag, 16. April 2016 - von Ariane

Kulinarische Reisepost aus Japan 4: (K)ein Hanami im Shinjuku Gyoen

Ich reise allein durch Japan! Damit ich mich nicht einsam fühle, teile ich meine Reiseeindrücke und Gedanken mit meinen Lieblingsmenschen. Heute erzähle ich meinem Papa von der japanischen Kirschblüte und meinem missglückten Hanami in Tokio.

Lieber Papa,

als ich mich neulich auf meine Japan-Reise vorbereitet habe, stand ein Hanami ganz oben auf meiner Wunschliste. Ich Glückspilz bin genau in Japan wenn die japanische Kirschblüte (Sakura) ihre volle Blüte erreicht hat.

Sakura ist eines der wichtigsten japanischen Symbole und steht für Schönheit, Aufbruch und Vergänglichkeit. Gefeiert wird ihr Höhepunkt mit einem Hanami. Unter der Blütenpracht der Kirschbäume werden große blaue Plastikplanen ausgebreitet, auf denen dann mit Freunden und Familie ausgiebig gepicknickt wird: Mit Sushi, Okonomiyaki, Takoyaki oder einer gut bestückten Bentō Box und natürlich reichlich Sake oder Bier! Zum Nachtisch werden Wagashi (japanische Süßigkeiten. Hier siehst du Matarashi Dango und Erdbeer Mochi) gereicht, oder ein Sakura-Eis geschleckt.

Genau! Die Japaner wissen wie ein ordentliches Picknick geht. Und sie wissen auch, wie man den Moment genießt. Wie könnte man die vergängliche Schönheit der Sakura besser zelebrieren, als mit einem Hanami?

Du kennst bestimmt den Film Kirschblüten Hanami von Doris Dörrie. Wenn nicht, schau ihn dir zusammen mit Mama an! Ich habe ihn vor sieben oder acht Jahren im Kino gesehen, als ich mein Praktikum in Berlin gemacht habe. Wer hätte damals gedacht, dass ich so lange dort bleiben würde?

Vergänglichkeit, Aufbruch, Neuanfang, dass sind alles Dinge die jeden Menschen irgendwann in Leben beschäftigen. Auch der Film handelt davon. Deswegen hat er mich wohl auch so begeistert und auf melancholische Art tief berührt.

Ein Hanami in Tokio habe ich mir also besonders gewünscht und mich gleich am zweiten Tag mit Julie und Matze im Shinjuku Gyoen dazu verabredet. Die beiden sind nämlich zufällig zur selben Zeit wie ich in Tokio, und da ich bei Matze schon so viel über diesen tollen Park in seinem Blog gelesen habe, war ist besonders gespannt die beiden dort zu treffen. Julie schlug dann noch vor, unseren Picknick-Proviant in der Depachika des Isetan zu besorgen. Eine Depachika ist eine riesengroße Feinkostabteilung im Untergeschoss großer japanischer Kaufhäuser. Und wenn ich sage groß, dann meine ich groß! Die Auswahl ist einfach atemberaubend. Hier könnte ich Stunden lang umher schlendern und mich mit den feinsten Köstlichkeiten eindecken. Papa, glaub mir, du würdest mit offener Kinnlade vor all den Food Courts stehen und wahrscheinlich den halben Laden leer kaufen.

Das wäre also der perfekte Ort gewesen, um für unser Hanami einzukaufen. Ein guter Plan, oder?

Leider ging der Plan nicht ganz auf. Mein Fuß kam dazwischen. Der wollte nämlich auf einmal nicht mehr so wie ich: Laufen.

Ich hatte dir ja neulich schon erzählt, dass ich ihn bei Yoga irgendwie überdehnt hatte. Und weil ich mich am Ende meines ersten Tags nur noch humpelnd und im Schneckentempo durch Tokio fortbewegt habe, dachte ich, es wäre vernünftig meinen Fuß mal von einem Fachmann angucken zu lassen. Ein Freund, der einige Zeit in Japan gelebt hat, sagte mir man ginge hier auch für die kleinen Wehwehchen ins Krankenhaus. Also bin ich gleich morgens ins nächstgelegene Krankenhaus marschiert.

Ich war der festen Überzeugung um 11:30 mit Julie und Matze unter Kirschblüten zu picknicken. Nach drei Stunden Wartezeit war mir klar, dass ich mir mein Hanami abschminken konnte. Aber wenigstens kam ich dann endlich an die Reihe. Es wurde geröntgt, Blut abgenommen und mein Fuß bekam eine überdimensionierte, fast bis zum Knie reichende Schiene, um die ein schneeweißer Verband gewickelt wurde. Ehrlich gesagt fand ich das etwas übertrieben und ich kam mir ein bisschen lächerlich vor, als ich damit in den nächsten Bus Richtung Shinjuku Gyoen einstieg. Ich glaube eine Salbe und ein einfache Bandage hätte auch ausgereicht.

Als ich dann endlich im Park ankam, war es natürlich viel zu spät für ein Hanami.

Die Kirschblüte war aber trotzdem noch da. Und so unglaublich schön, Papa! Das kann man einfach nicht mit den Kirschbäumen vergleichen, die bei uns zu Hause blühen. Ein Blütenmeer. Wo man auch hinblickt: Rosa Kirschblüten.

Als ich das sah, war wieder alles gut. Das verpasste Hanami und mein Fuß waren vergessen. „Es ist wie es ist“ dachte ich mir ins Kirschblütenmeer blickend und freute mich über diesen schönen einzigartigen Moment.

Das Hier uns Jetzt zu genießen und meine hedonistische Ader ohne Gewissensbisse auszuleben, beides hättest du mir nicht besser vorleben können. Du bist ein guter Lehrer! Dafür bin ich dir endlos dankbar.

Deine Ariane

P.S. Keine Sorge, meinem Fuß geht es mittlerweile wieder gut. Wir sind heute zusammen über die Insel Tomogashima gewandert :)

Kulinarische Reisepost aus Japan

Kommentare

  1. Cecilia - 18. April 2016 um 20:49

    Wunderbarer Bericht. Japan ist definitiv ein Traumziel für mich.

  2. Ariane - 21. April 2016 um 16:06

    Arigato, Cecilia! Ich hoffe ich habe noch mehr Lust darauf gemacht :)

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