Kulinarische Momentaufnahmen
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Mittwoch, 6. April 2016 - von Ariane

Kulinarische Reisepost aus Japan 1: Berlin – London – Tokio

Ich reise allein durch Japan! Damit ich mich nicht einsam fühle, teile ich meine Reiseeindrücke und Gedanken mit meinen Lieblingsmenschen. Die erste Post bekommt meine Oma.

Liebe Oma,

ich bin in Tokio! Nach elf guten Flugstunden bin ich ein bisschen gerädert, aber gut gelaunt in Japans Hauptstadt gelandet. Ganz im Gegensatz zu meiner Vorstellung, bin ich nicht im Großstadtdschungel der größten Metropolregion der Welt verloren gegangen. Bis jetzt läuft alles ganz entspannt. Fast zu entspannt, denn ich merke meinen Jetlag jede Sekunde ein bisschen mehr.

Bevor mir aber die Augen zufallen, möchte ich dir noch kurz von meinen ersten Eindrücken in Japan erzählen. Es fängt mit meinem Platz 24B im Flugzeug von London nach Tokio an. Ich sitze in der Mitte des linken Seitenganges zwischen einem Japaner und einer Französin. Es dauert nicht lange, und ich komme mit dem Japaner ins Gespräch. Jimmy heißt er. Das ist natürlich nicht sein richtiger Name. In London, wo er mal gelebt hat, konnte seinen Namen niemand aussprechen und so hat er sich einfach Jimmy genannt. Mittlerweile lebt er aber mit seiner Frau in Malaga und hat, wie sollte es auch anders sein, ein eigenes Sushi-Restaurant!

Jimmy und ich haben gleich einen Draht zu einander, denn auch er kann nicht aufhören über Essen nachzudenken oder zu reden. Ich frage ihn gleich, ob er den Film Jiro dreams about Sushi kenne. Selbstverständlich, er träume davon dort irgendwann mal Sushi zu essen, nur das nötige Geld fehle ihm. Jiro ist ein 85 jähriger weltberühmter Sushi-Meister und Besitzer des 3 Sterne Restaurants Sukiyabashi Jiro. Er ist fast genauso alt wie Opa jetzt wäre und steht immer noch jeden Tag in seinem Restaurant. Verrückt, oder?

Irgendwann wird unser Gespräch durch unser Abendessen unterbrochen. Die Stewardess reicht uns ein Tablett mit vielen kleinen Schälchen, in denen ich Miso-Suppe, kalten Soba-Nudeln mit Sojasauce, Sashimi auf Salat, Gurken-Apfel-Salat mit Mayonnaise und Sanshokudon wiedererkenne. Jimmy und ich machen ein Foto und freuen uns beide, dass es für uns das Normalste auf der Welt ist. Es ist schon verblüffend wie gut das hier, im Gegensatz zum sonst so üblichen Flugzeug-Fraß, schmeckt. Zum Nachtisch gibt´s Vanilleeis mit frischen Früchten in Kugelform. Fängt gut an hier!

Jimmy gibt mir seine Visitenkarte (ich habe neulich irgendwo gelesen, dass das hier zum guten Ton gehört) und bietet mir seine Hilfe an. Falls ich Fragen hätte, oder er mir irgendwie helfen könne, solle ich ihn anrufen. Er könne mir auch Tipps für´s Kochen geben. Seiner Nichte gäbe er auch oft Kochunterricht über Skype. Ein netter Mann!

Ich fühle mich schon mehr als willkommen in Japan, obwohl ich noch nicht einmal angekommen bin, sondern irgendwo im Himmel über Schweden entlang fliege.

Die trockene, viel zu warme Flugzeugluft lässt mich kaum ein Auge zu bekommen. Gefühlt habe ich nur zwei Stunden geschlafen, immer wieder schläft ein anderes Körperteil von mir ein. Nur mein Kopf will nicht schlafen. Dabei fühle ich mich eigentlich recht ruhig, denn ich habe meine Reise diesmal gut geplant (für meinen Geschmack eigentlich zu gut). Aber es ist immer aufregend ein fremdes Land zu entdecken, vor allem wenn man zum ersten Mal für längere Zeit alleine verreist.

Auf einmal ist die Nacht vorbei und unser Flugzeug bereitet sich gegen 15 Uhr Ortszeit zum Landeanflug vor. Alles was jetzt kommt läuft so reibungslos und ruhig ab, dass ich es selbst kaum glauben kann. Wie in Trance laufe ich aus dem Flugzeug hole meinen Koffer vom Gepäckband, bekomme einen weiteren Stempel in meinen Reisepass, tausche Euro in Yen um, kaufe mir ein Pasmo Zugticket, hole mein vorher online geordertes Pocket Wifi und meinen Japan Railwaypass ab und setze mich in den nächsten Zug nach Numabukuro, wo mich Yoko, meine airbnb-Gastgeberin erwartet. Insgesamt muss ich zwei mal umsteigen.

An der Haltestelle Takadanobaba kaufe ich mir Dorayaki, das sind zwei kleine extrem fluffige Pfannküchlein, die mit einer dicken süßen roten Bohnenpaste gefüllt sind. Den passenden Film dazu habe ich neulich zu meinem Geburtstag im Kino gehen: Kirschblüten und rote Bohnen. Ein sehr rührender, langsamer japanischer Film. Eine der Hauptrollen spielt Tokue, eine alte Dame, die die beste rote Bohnenpaste überhaupt macht!

In Numbakuro treffe ich Yoko, die am Nordausgang mit ihrem Fahrrad auf mich wartet. Sie zeigt mir den Weg zu ihrem Haus, in dem ich die nächsten vier Nächte bleiben werde. Numbakuro ist ein sehr ruhiger Stadtteil Tokios. Erstaunlich viele Fahrradfahrer radeln für über den weg und das Ganze hat schon fast einen dörflichen Charakter. Ein bisschen wie bei euch in Wersten, Oma, nur alles in Miniaturausführung.

Wir laufen an einem kleinen Tempel vorbei, die Sonne geht langsam unter und ich bewundere die Kirschblüten, die der Wind sanft von den Bäumen weht. Jetzt im April ist die nämlich Sakura, die Zeit in der die japanische Kirschblüte in voller Pracht blüht. Yoko rät mir gleich noch mal einen Spaziergang zu machen und die Sakura zu bewundern, denn morgen soll es regnen. Regen? So ein Ärger! Aber so schlimm ist es auch nicht, denn ich werde sowieso den halben Tag mit Chica von KitchHike in der Küche stehen. Sie wird mir Washoku, die traditionell japanische Küche näher bringen.

Obwohl ich hundemüde bin folge ich Yokos Rat und mache einen kurzen Spaziergang durch Numbakuro. Zuallererst gehe ich in den nächsten Supermarkt und gucke mir alles ganz genau an. Grelle Farben und schrille Verpackungen leuchten mir entgegen. Ich liebe es durch Supermärkte im Ausland zu schlendern. Hier in Japan macht es besonders viel Spaß. Ich kann nämlich fast nichts lesen und mir bei machen Lebensmitteln nur ausmalen, worum es sich handeln könnte. Ich nehme mir Sushi mit nach Hause. Heute traue ich mich noch nicht alleine essen zu gehen, damit warte ich bis morgen. Und diese Sushi hier sehen richtig gut aus, wobei ich mir vorstellen kann, dass ich übermorgen nach den Tsukiji-Fischmarkt anderer Meinung bin.

Zurück auf der Einkaufsstraße dudelt Fahrstuhlmusik. Ich entdecke eine kleine Bäckerei in der ich mir Konto Sakura Mochi zum Nachtisch kaufe. Diese japanische Süßigkeit wird traditionell zur Kirschblüte zubereitet. Sie besteht aus einem süßen zartrosa Crepe, der mit Koshi-an (süßer roter Bohnenpaste) gefüllt, und einem salzig eingelegtem Kirschblatt umwickelt ist. Ich habe darüber schon in ein paar Foodblogs gelesen und bin gespannt wie es schmeckt.

Bevor ich mich auf den Heimweg mache, schaue ich noch beim Friseur vorbei – mein Pony muss geschnitten werden. Die Friseurin versteht zwar kein Wort Englisch, schneidet mir meinen Pony aber genau so wie ich ihn haben will. Ich bin erleichtert und überlege kurz, ob ich mich doch noch schnell in die Bahn setzte und ins „richtige Tokio“ fahre, um in die quirlige Metropole einzutauchen, entscheide mich dann aber für mein Bett. Morgen ist auch noch ein Tag, und heute habe ich schon genug erlebt!

Oma, ich habe heute oft an dich gedacht. Wie würde es dir hier wohl gefallen? Hast du eigentlich jemals Sushi probiert? Nein? Das holen wir gemeinsam nach. Oder wir backen japanische Süßigkeiten – davon kann ich dich sicherlich eher überzeugen ;)

Bis bald! Fühl dich umarmt! Und vergiss nicht, dass ich immer an dich denke!

Deine Ariane

Kulinarische Reisepost aus Japan

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Im Oktober 2013 ist mein Buch »Foodblogs und ihre besten Rezepte« im Hädecke Verlag erschienen.



Gourmand World Cookbook Award Winner 2014 for Germany. Category »Blog«.



48 kulinarische Erzählungen und Rezepte von 12 deutschsprachigen Foodblogger/innen. Nachgekocht, fotografiert und genussvoll verzehrt von Ariane Bille. Konzipiert und kreiert als Buch, App und Blog.


Vice Content Network

»Das Buch bringt viele Perspektiven zusammen und kommt so der kulinarischen Bewegung im Web erstaunlich nahe – ihren Protagonisten und Motiven, der Kochlust samt Rezepten.« Valentinas-Kochbuch



Mizzis Küchenblock | Der Genussblog von Hädecke