Kulinarische Momentaufnahmen
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Montag, 25. April 2016 - von Ariane

Kulinarische Reisepost aus Japan 6: Die Stille japanischer Gärten und Naoshima, die sanfte Insel

Ich reise allein durch Japan! Damit ich mich nicht einsam fühle, teile ich meine Reiseeindrücke und Gedanken mit meinen Lieblingsmenschen. Heute erzähle ich meinem Freund João aus Lissabon von eindrucksvollen japanischen Gärten und der Kunstinsel Naoshima, einem Ort, der durch seine Kunst zum “Nachdenken über die Bedeutung eines angenehmen, schönen Lebens” anregt.

Lieber João,

manchmal fühlt sich Japan wie ein anderes Leben an. Als ob Jahre vergangen wären, in denen wir uns nicht gesehen haben. Dabei war ich vor vier Wochen noch bei dir in Lissabon, bin mit dir durch deine wunderschöne Heimatstadt spaziert und habe dir von meiner bevorstehenden Reise nach Japan erzählt.

Immer wieder muss ich an unseren Spaziergang durch Monsanto denken. Die berauschende Stille der Natur. Das saftige Grün der Blätter. Den Duft von Pinien. Die warme Frühlingsluft. Den Blick auf den Tejo und die Ponte 25 de Abril. Das Wissen, dass das Meer so nah ist. Das sanfte Licht, das Lissabon wie eine Mutter umarmt. Nie werde ich diesen Nachmittag in Monsanto vergessen, obwohl überhaupt nichts aufregendes passiert ist. Gerade deswegen war er so besonders.

Es ist schon verrückt, dass ich selbst auf der anderen Seite der Welt nicht aufhören kann an Lissabon zu denken. Selbst an den beeindruckendsten Orten dieser Erde, werde ich nicht damit aufhören können. Weil ich weiß, dass sie für mich die schönste Stadt der Welt ist.

Und das ist irgendwie beruhigend, auch wenn ich nicht weiß, was diese Erkenntnis bedeutet.

Du hast mir gesagt, dass du Lissabon durch mich mit anderen Augen siehst. Ich sehe die Stadt mit mehr Abstand und nehme ihre Schönheit in winzigen Details wahr, die dir gar nicht mehr aufgefallen sind, weil sie für dich das Normalste der Welt sind.

Genauso hast du mir ein neues Bild der Stadt gezeigt. Nach all unseren Spaziergängen, betrachte ich Gärten, Parks und Landschaften auf eine ganz andere Art und Weise. Ja, mir wird eigentlich zum ersten Mal richtig bewusst, wie gerne ich von (urbaner) Natur umgeben bin und wie wichtig deren Gestaltung ist. Für mich war ein Park immer ein Park. Eine grüne Oase in der Stadt, in die man sich zurück zieht wenn man seine Ruhe haben will. Selten habe ich darüber nachgedacht, dass diese Orte von Menschen gestaltet werden. Dabei ist es so Naheliegend. So wie ich Bücher konzipiere und gestalte, planst und gestaltest du urbane Landschaften.

Japan ist auch in dieser Hinsicht absolut beeindruckend. Die Gärten Japans repräsentieren die Philosophie und Geschichte des Landes. Sie sind bis ins letzte Detail geplant. In einigen Gärten bin ich stundenlang auf Entdeckungstour gegangen. Je nach Blickwinkel und Standpunkt ergibt sich ein ganz neues Landschaftsbild. Jeder Stein, jede Mauer, jedes Geländer, jede Treppe und Stufe, jeder Teich, jeder Baum und jedes Blatt stehen in Beziehung zu einander. Das gelungene Zusammenspiel von Licht, Abstand, Größe, Material, Form, Wiederholung, Entfernung, Asymmetrie und Perspektive kann einen Garten zu einem kleinen Kunstwerk machen.

Solche Gärten findet man in Japan in buddhistischen Tempeln, Shintō-Schreinen und in privaten oder öffentlichen Parks. Die berühmten Gärten sind oft überlaufen und haben dadurch in meinen Augen ein wenig von ihrem Charme verloren. Mir persönlich hat es am besten in den kleinen, versteckten und unbekannten Gärten gefallen. Gärten, in denen fast kein Mensch ist, haben diese besondere beruhigende Wirkung, die ich auch in Monsanto oder Jardim da Tapada das Necessidades in Lissabon gefühlt habe. Sie dürfen gerne ein bisschen wilder, rauer, verkommener oder verlassener sein. Das Unperfekte und Mysteriöse zieht mich schon immer an. Der Yosuien Garten in Wakayama ist das perfekte Beispiel dafür. Kein Mensch war da. Nur ich. Zu Tränen gerührt.

Auch Naoshima, die sanfte Insel, hat das immer wieder geschafft.

Allein reisen scheint mich sentimental zu machen. Nein. Sensibel. Das trifft es wohl eher. Ich bin bewusster und sensibler für die Dinge um mich herum. Alleine, in meinem eigenem Tempo, nehme ich meine Umgebung anders wahr.

Naoshima ist eine kleine im Seto-Meer, südlich von Okayama, gelegene Insel. Sie ist ein Ort der Kunst. Ein Ort, indem moderne Kunst erlebbar und fühlbar gemacht wird. Eine Insel, die durch seine Kunst zu einem Ort wird, um über die „Bedeutung eines angenehmen, schönen Lebens nachzudenken.“ So die Idee der Benesse Art Corporation, die das Benesse Projekt zu Beginn der 90er ins Leben rief.

Das Symbol Naoshimas ist der gelb schwarz gepunktete Riesenkürbis der Künstlerin Yayoi Kusama. Diese und viele andere Skulpturen und Installationen kann man unter freiem Himmel mit Blick auf die sandigen Buchten des Seto-Meers bewundern. Daneben gibt es noch das von Tadao Andō entworfene Chichu Art Museum, Lee Ufan Museum und Benesse House Museum in denen u.a. Kunstwerke von David Hockney, Jackson Pollock, Yves Klein und Jasper Johns ausgestellt werden.

Tadao Andōs Architektur der Museen hat mich fast mehr beeindruckt, als die Kunst selbst. Das Chichu Art Museum ist quasi ein Stück begehbare Kunst und setzt die Werke der von James Turrell, Walter de Maria sowie Claude Monet spektakulär zurückhaltend in Szene.

Der Minimalismus Andōs, sein Spiel mit Beton, Holz, Raum, Tageslicht und Natur ist beeindruckend. Man findet nie auf den direkten Weg in einen Raum hinein, läuft vorher durch dunkle verschachtelte Gänge, um ins Innere zu gelangen und dort angekommen, eröffnet die Helligkeit des Tageslichts die Raummitte und verbindet so die Innenwelt des Raums mit der Außen- und Umwelt .

In Honmura, an der Ostküste Naoshimas, befindet sich neben dem Art House Project auch das Tadao Andō Museum, das seiner Arbeit als Architekt gewidmet ist.

Honmura ist ein kleines altes Fischerdorf in der die traditionelle japanische Architektur erhalten blieb. Einige der alten verlassenen Gebäude wurden von Architekten und Künstlern zu begehbaren Kunstobjekten umgestaltet. Neben der Architektur von Tadao Andō hat mir dieser Teil der Insel am besten gefallen. Das Lichtexperiment Minamidera von James Turrel hat die Idee „Kunst mit dem eigenen Körper wahrzunehmen“ auf den Punkt gebracht.

Es war noch früh am Morgen, als mich eine Angestellte des Museums in das Innere des großen Holzhauses führte, indem es so dunkel war, das ich nichtmal die Hand vor Augen sah. Dort saß ich von Stille und Dunkelheit umgeben. Der Geruch von Zedernholz durchströmte den Raum. Es war angenehm warm, draußen hörte ich einen Vogel singen. Trotz der Dunkelheit wirkte dieser Ort warm und friedlich auf mich. Nach 10 Minuten begann ich ein seichtes schimmerndes Licht am Ende des Raums wahrzunehmen. Ganz langsam wurde es immer heller am Horizont. Meine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, ich konnte mich wieder orientieren, den Umriss meiner Hand erkennen und ohne Hilfe aus dem Raum gehen. Jeder wird dieses Kunstwerk wohl unterschiedlich interpretieren. Für mich ist es ein Sinnbild des Zusammenspiels von Dunkelheit und Angst, Zeit, Raum, Besinnung, Körper und Licht.

Über die Bedeutung eines angenehmen, schönen Lebens“ habe ich viel nachgedacht. Nicht nur auf Naoshima, auch während dem Rest meiner Reise. Auf Naoshima aber war es leichter zu erkennen, dass ich nicht viel brauche um dieses sanfte und ruhige Gefühl von Glück zu empfinden:

  • Menschen an die ich denke. Die ganz nah bei mir sind, obwohl ich so weit weg bin.
  • Begegnungen mit neuen Menschen.
  • Mit Liebe gekochte Mahlzeiten, die ich mit diesen Menschen teilen kann.
  • Die Nähe der Natur und die Nähe des Meeres.
  • Die Möglichkeit frei zu sein und selbstbestimmt über mein Leben entscheiden zu können.

Genau diese fünf Dinge habe ich auf meiner Reise erkannt. Immer, wenn ich mich einsam gefühlt habe, kam vom anderen Ende der Welt eine Nachricht von jemanden, der gerade an mich dachte. Oder ich habe einen neuen Menschen getroffen und Zeit mit ihm verbracht. Manchmal war ich einsam, fühlte mich aber nicht so, weil ich niemanden um mich herum brauchte. In diesen Momenten habe ich das Alleinsein in und mit der Natur genossen. In diesen Momenten ist mir bewusst geworden, das Zeit keine Rolle spielt. Das ich aufhören möchte, mich getrieben zu fühlen und mich lieber treiben lassen möchte. Das das Hier und Jetzt viel wichtiger ist, als das was war oder irgendwann sein wird. Das mag esoterisch klingen, ist schlicht und einfach aber wahr.

Auch die Sicht auf den Stellenwert, den Essen in meinem Leben einnimmt, hat sich während meiner Reise geschärft. Wenn ich die letzten drei Wochen Revue passieren lasse und über all die fantastischen Dinge nachdenke, die ich gegessen habe, fallen wir zuallererst die Mahlzeiten ein, die ich mit anderen Menschen selbst gekocht oder geteilt habe. Die beiden Kochkurse bei Chikayo nd Emi, ein Abendessen mit meinen Freunden aus Berlin in Tokyo oder das selbstgekochte Abendessen von Yoshio und seiner Mutter, bei denen ich während meiner Zeit auf Naoshima gewohnt habe. Immer hat die Nähe eines Menschen das Essen zu etwas ganz Besonderem gemacht.

Dafür brauchte ich weder viel Geld ausgeben, noch danach suchen. Es war einfach so oder hat sich irgendwie so ergeben.

Wenn mir bewusst wird, dass auch diese Reise ein Ende haben wird, bin ich nicht traurig. Nein, es hilft mir viel mehr die Zeit zu genießen, die jetzt gerade ist. Mit einem Ende beginnt etwas Neues. Nichts ist für immer, so wie es gerade jetzt in diesem Moment ist und wir haben immer die Möglichkeit etwas zu ändern. Das sollte uns keine Angst machen, sondern helfen zu entscheiden was jetzt für unser Leben wichtig ist.

Vielleicht hilft dir das bei deiner Entscheidung. Nur du weißt was richtig ist. Mach es einfach. Du wirst sehen, wie sich dein Leben, beruflich und privat, verändern wird. Und ich verspreche dir: Es wird anders als du es dir jetzt in diesem Moment vorstellst. Du wirst auf Menschen treffen, die dir helfen, dich weiterbringen und bereichern oder dir die Augen öffnen. Du wirst Menschen treffen, die dich bremsen oder enttäuschen. Manchmal wird es schwierig sein, manchmal geschieht alles ganz leicht und wie von selbst. Du wirst immer die Gewissheit haben, dass du alles selbst in der Hand hast und manche Dinge dafür einfach loslassen musst.

Um beijo do Japão
Ariane

Kulinarische Reisepost aus Japan

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Im Oktober 2013 ist mein Buch »Foodblogs und ihre besten Rezepte« im Hädecke Verlag erschienen.



Gourmand World Cookbook Award Winner 2014 for Germany. Category »Blog«.



48 kulinarische Erzählungen und Rezepte von 12 deutschsprachigen Foodblogger/innen. Nachgekocht, fotografiert und genussvoll verzehrt von Ariane Bille. Konzipiert und kreiert als Buch, App und Blog.


Vice Content Network

»Das Buch bringt viele Perspektiven zusammen und kommt so der kulinarischen Bewegung im Web erstaunlich nahe – ihren Protagonisten und Motiven, der Kochlust samt Rezepten.« Valentinas-Kochbuch



Mizzis Küchenblock | Der Genussblog von Hädecke