Kulinarische Momentaufnahmen
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Sonntag, 31. März 2013 - von Ariane

Kulinarische Reisepost aus Kambodscha – Phnom Penh

Bei meiner Rückkehr aus Vietnam war ich nicht wirklich überrascht, dass der Winter sich aus Deutschland noch immer nicht verzogen hat. Famile, Freunde und das gute alte Internet, haben uns auf eine eisige Rückkehr vorbereitet. Der Schneesturm bei der Landung am Frankfurter Flughafen war doch ein Klacks (wir saßen schließlich noch in kurzen Hosen im warmen Flugzeug). Als uns dann der Wind am Flughafen kleine weiße Flocken um die Ohren pfiff, waren wir in der ungemütlichen Realität angekommen.

Er ist hartnäckig, dieser Winter. Schon fast drei Wochen sind verstrichen und er macht keine Anstalten dem Frühling endlich Platz zu machen. Ihn einfach zu ignorieren half auch nicht. Da bleibt mir nichts anderes übrig, als in wärmenden Urlaubserinnerungen zu schwelgen und meine Reihe Kulinarsiche Reisepost aus Vietnam, die ich für Mizzis Küchenblock geschrieben habe, fortzuführen.

Die heutige Reisepost kommt diesmal nicht aus Vietnam, wir haben auch noch einen kleinen Abstecher nach Kambodscha gemacht:

Nach 16 stündiger Zugfahrt von Hoi An (bzw. Da Nang) kommen wir in sengender Hitze in Ho Chi Minh City an. Mein zweites vietnamesisches Zugfahrterlebnis werde ich so schnell nicht vergessen. Falls ich nochmal in die Gelegenheit kommen werde, weiß ich jetzt dass ich in einem Hard-Sleeper-Abteil nie wieder im untersten Bett schlafen werde. Ich durfte mir mein Bett nämlich mit immer wieder wechselnden Reisenden teilen, die es ganz selbstverständlich in Beschlag nahmen. Bei aller Liebe – wenn es um mein Bett geht verstehe ich keinen Spaß, da stößt meine kulturelle Offenheit an ihre Grenzen. Aber ich habe es über mich ergehen lassen, fast kein Auge zubekommen und im Nachhinein kann man sagen, dass es die Erfahrung irgendwie wert war.

Die Sonne brennt vom Himmel auf Ho Chi Minh City, heiße Luft vermischt sich mit den Abgasen unzähliger hupender Mofas. An diesem Nachmittag passiert nicht mehr viel, wir sind müde von zehrenden Fahrt und müssen unsere Energie für den nächsten Tag sammeln, denn dann geht es mit dem Mekong-Express nach Phnom Penh in die Hauptstadt von Kambodscha. Ho Chi Minh City heben wir uns für den Schluss unserer Reise auf, wir kommen noch mal zurück.

Im Morgengrauen verlassen wir die größte Stadt Vietnams und fahren mit dem Bus über die Grenze nach Kambodscha. Wir blicken Jackfruit-Chips knabbernd aus dem Fenster auf die leuchtende Landschaft und können nur erahnen, wie drückend die tropische Hitze außerhalb des klimatisierten Busses ist. Diese spüren wir dann in voller Wucht, als wir in Phnom Penh aus dem Bus steigen. Mit einem Tuk Tuk lassen wir uns durch das bunte Straßentreiben zum Mad Monkey Hostel tuckern, hier werden wir die nächsten zwei Nächte verbringen.

Kambodscha hat eine tragische Vergangenheit, hier in Phnom Penh dringen die Verbrechen der roten Khmer und der tobende Bürgerkrieg zum ersten Mal in meine Realität ein. Wir besichtigen mit dem ehemaligen Gefängnis S21 (Tuol Sleng Genocide Museum) und den  Killing Fields in Choeung Ek die Tatorte der grausamen Massenmorde, die die Roten Khmer unter Anführung von Pol Pot begangen um aus Kambodscha einen Bauernstaat zu machen. Das diese unvorstellbaren Verbrechen gerade mal 34 Jahre her sind, stimmt uns nachdenklich. Vorallem weil die kambodschanische Regierung deren Aufarbeitung immer noch hartnäckig blockiert.

Es ist ein fades Gefühl nach dem Besuch dieser Orte auf die Straße zu treten und die nächsten Sehenswürdigkeiten „abzuklappern“. Deshalb beschließen wir das Gesehene sacken zu lassen und schlendern stumm durch die Straßen, bis wir in der Abenddämmerung in der Nähe des Freiheitsdenkmals ankommen. Fahrbare Garküchen  parken am Straßenrand und verkaufen von Popcorn, Zuckerwatte, Nüssen über kalte Getränken, gekochte Eier, gegrillten Fisch, Frösche, Hähnchenschenkel bis hin zu pikanten Nudelsuppen alles was das Streetfood-Herz begehrt. Auch die  Temperaturen werden langsam wieder ertragbar. Mit einer Dose kaltem Angkor Bier in der einen und einer Tüte Popcorn in der anderen Hand, schlendern wir zurück zum Hostel und fallen müde in unser Bett.

Der nächste Morgen beginnt in aller Frühe, wir haben uns ausgeschlafen und sehnen uns nach einem ausgiebigen Frühstück. Unser Plan das Frühstück in der Mitte des Zentrums auf dem Phsar Thmei (Zentralmarkt) zu genießen, geht nicht ganz auf. Nachdem wir uns von einem hartnäckigem Tuk Tuk-Fahrer zu einer Fahrt überreden lassen haben, kommen wir am Zentralmarkt an und haben das Gefühl, schon jetzt vollständig zu zerfließen. Die Hitze ist sogar am Vormittag kaum auszuhalten und mit den steigenden Temperaturen sinkt unser Hungergefühl. Dabei ist der Markt ein wahres Foodie-Paradies. Kunstvoll drapierte Früchte in allen Farben und Formen, auf Holzkohle gegrillter Fisch und Tintenfisch, Gewürze, getrocknete Krabben, Chilis, grell leuchtende Süßigkeiten, Nüsse und Kastanien, frittierte Spinnen … frittierte Spinnen? Zum ersten Mal sehe ich dicke, schwarze, haarige Taranteln, die genauso kunstvoll drapiert wie das Obst, neben Heuschrecken, Küchenschaben, Wasserkäfern und anderen Insekten liegen. Das muss natürlich von allen Perspektiven fotografiert werden und weil die Käfer-Verkäuferin mein großes Interesse bemerkt, bietet sie mir an ich solle das doch auch mal testen. „Very good!“. Ich lehne dankend ab, doch dann kostet der Liebste mir nichts, dir nichts eine kleine Heuschrecke und findet: „Schmeckt wie Chips!“. Ich stehe unter Zugzwang und picke mir die kleinste Heuschrecke aus dem frittierten Insektenberg. Mit fest zugekniffenen Augen schiebe ich sie in Zeitlupe in den Mund, kaue und schlucke schnell. Stimmt, schmeckt wie Chips. Hätten wir das mit dem Frühstück also auch erledigt.

Der Rest des Frühstücks besteht aus einem Drachenfrucht-Shake. Das pinkfarbene Kakteengewächs ist hier in Deutschland eher geschmacklos in Vietnam oder Kambodscha wiederum purer Genuss. Das Fruchtfleisch ist von vielen kleinen schwarzen Samen durchzogen und ähnelt von der Konsistenz her einer Kiwi. Es gibt sie weiß- und rotfleischig, wobei die rotfleischigen Drachenfrüchte aromatischer schmecken. Und aus genau so einer besteht unser Drachenfrucht-Shake, den man der Farbe nach zu urteilen auch getrost Barbie- oder Tussi-Shake taufen könnte. Der Geschmack ist unbeschreiblich gut, ganz zart säuerlich – ich meine einen ein Hauch Kokos zu schmecken.

Nach unserem spartanischen Frühstück ziehen wir los zu den Sehenswürdigkeiten Phnom Penhs: Königspalast und Silberpagode, Wat Phnom und Nationalmuseum.

Nach dem straffen Programm flanieren wir die Riverside entlang und überlegen wo wir unseren Hunger stillen können. Wir beschließen zurück zum Zentralmarkt zu laufen um dort endlich all die Köstlichkeiten zu probieren, die wir heute Morgen verpasst haben.Die Restaurants auf dem Weg dorthin wirken wenig vertrauenswürdig. Als wir doch Halt machen um uns bei einem der Restaurants die Speisekarte näher anzugucken, krabbelt doch tatsächlich eine Kakerlake quer über die Seiten.

Es wird langsam Dunkel, winkende Tuk Tuk-Fahrer versuchen uns immer wieder zu einer Fahrt zu überreden – anscheinend sind wir die einigen Menschen die hier zu Fuß unterwegs sind. Am Markt angekommen, stellen wir fest das dieser schon längst geschlossen hat. In den belebten Gassen um den Markt herum reiht sich ein BBQ-Restaurant am nächsten – das wollen wir uns nicht entgehen lassen! Wir setzten uns in einen neonausgeleuchteten Saal mit blauen Plastikstühlen und  bestellen ein Cambodian Barbecue. Nach kurzer Zeit steht ein kleiner Grill auf unserem Tisch, danach folgen Rindfleisch mit Ei und Garnelen, Reis und ein kleiner Kräuterberg. Anfänglich sind wir etwas ratlos, was denn nun mit dem Ei geschehen soll, dann verstehen wir: Es wird mit dem Fleisch vermischt und dann gegrillt. Unser Barbecue ist für kambodschanische Verhältnisse recht unspektakulär, wenn man bedenkt das in hier fast alles auf den Grill kommt: Taranteln, Frösche, in Bananenblatt gegartes Hirn und natürlich Fisch, Muscheln, Garnelen und Fleisch. In diesem schönen Video kann man sehen, wie ein traditionelles Cambodian Barbecue aussieht – ich bekomm´schon wieder Fernweh!

Wir schleppen uns durch die schwüle Nacht zurück zu unserem Hostel, packen unsere Rucksäcke und freuen uns auf die sagenhaften Tempel von Angkor bei Siem Reap, von denen ich im nächsten Post erzählen werde.

Ist euch jetzt warm geworden?

Aus der Reihe Kulinarische Reisepost aus Vietnam

Kommentare

  1. Micha - 31. März 2013 um 13:35

    Letztes Jahr auch Indien, dieses Jahr ebenfalls Vietnam und Kambodscha (wobei wir noch Myanmar und die Phillipinen dazugenommen hatten) – also nächsten Winter müßten wir uns dann ja mal über den Weg laufen… Ich bin schon gespannt wo ;)!

    Schöne Ostern und viele liebe Grüße

  2. Ariane - 31. März 2013 um 13:39

    Was? So ein Zufall! Hach … Myanmar und die Philippinen hätt´ ich auch gern gesehen. Wir liebäugeln ja mit Indonesien – und ihr?

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Mizzis Küchenblock | Der Genussblog von Hädecke