Kulinarische Momentaufnahmen
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Freitag, 29. April 2016 - von Ariane

Kulinarische Reisepost aus Seoul (Südkorea) 1: Mittagessen auf dem Noryangjin Fischmarkt

Ich reise allein durch Japan und Südkorea! Damit ich mich nicht einsam fühle, teile ich meine Reiseeindrücke und Gedanken mit meinen Lieblingsmenschen. Heute erzähle ich Robin von meinem Mittagessen auf dem Noryangjin Fischmarkt und warum ich dabei an ihn denken musste.

Lieber Robin,

als ich heute auf dem Noryangjin Fischmarkt in Seoul auf der Suche nach einem Mittagessen war, musste ich an dich denken. Und weil du mir zufällig fast genau im gleichen Moment geschrieben hast, hab´ ich mir gedacht dir einfach in einem Blogpost zu antworten.

Der Noryangjin-Fischmarkt in Seoul ist reiner Wahnsinn! Mir hat es hier fast besser als auf dem Tsukiji-Fischmarkt in Tokio gefallen, weil ich hier nicht das Gefühl hatte ständig im Weg zu sein oder um mein Leben laufen zu müssen, um nicht von einer der winzigen „Killer-Cars“ überfahren zu werden. Außerdem ist der Markt weniger touristisch. So wie auch der Rest von Seoul – ich habe hier bis jetzt wirklich extrem wenige Touristen gehen. Gut, das mag daran liegen, dass ich die Touri-Gegenden eher meide und die asiatischen Touristen nicht so wirklich von den Einheimischen unterscheiden kann. Aber generell habe ich das Gefühl, dass die Stadt touristisch nicht so überlaufen ist wie andere Orte dieser Welt.

Auf dem Fischmarkt kann man jedenfalls nicht nur jede Menge außerirdisch anmutendes Meeresgetrier bestaunen, nein, man kann es auch direkt vor Ort essen! Man muss nur zu einem der Stände gehen, sich entscheiden worauf man gerade Appetit hat und mit der Ausbeute dann zu einem der kleinen Lokale gehen. Dort wird daraus eine ganz frische Mahlzeit gekocht.

Das ist eigentlich genauso wie auf dem Fischmarkt in Maputo (Mosambik), nur dass dich  hier niemanden dazu drängt etwas zu kaufen. Im Gegenteil, am Anfang habe ich gar nicht kapiert wie das hier funktioniert und mich einfach an einen der roten wackeligen Plastiktische gesetzt, bis mich die Kellnerin energisch (Englisch spricht hier selten jemand) zu einem der Fischstände begleitete. Hier durfte ich mir dann mein Mittagessen aussuchen. Die Verkäuferin mit den ordentlich geschminkten Lippen, die mir genauso pink wie ihre Plastikschürze entgegen strahlten, wollte mir gleich eine riesengroße scharlachrote Königskrabbe andrehen. Wenn ich nicht allein unterwegs gewesen wäre, hätte ich das Abenteuer auf jeden Fall gewagt. Vielleicht hätte ich sogar ne´ Seegurke probiert …

Das ist das Blöde am allein reisen: Beim Essen gehen kann ich nie so viel probieren wie ich will. Das war mit dir auf unserer Vietnam-Reise anders. Wir sind an so vielen verschiedenen Streetfood-Ständen hängengeblieben, haben alles geteilt und waren nie richtig satt, sodass wir von der großen Auswahl viel mehr probieren konnten. Alleine Essen gehen ist zwar mittlerweile keine große Überwindung mehr für mich, aber es macht viel mehr Spaß wenn jemand dabei ist, mit dem ich es teilen kann. Und ich bilde mir ein, dass es auch besser schmeckt. Ein frisch gekochtes Essen an einem außergewöhnlichen Ort mit einem besonderen Menschen zu teilen – es gibt wenige Dinge die mir besser in Erinnerung bleiben.

Zurück zum Noryangjin-Fischmarkt in Seoul. Meine Wahl fiel dann doch nicht auf die Seegurke. Ich glaub´ wenn du dabei gewesen wärst, hätte ich mich getraut. Du auch, oder? Aber so ne ganze Seegurke für mich allein … neee. Dafür konnte ich mich aber für einen Seeigel (meinen allerersten!), einen kleinen Baby-Tintenfisch und einen Krabbe entscheiden.

Und da musste ich an dich denken! Weißt du noch? Goa vor vier Jahren? Die erste Krabbe die wir gegessen haben. Unter Palmen, am Stand wo sich die Kühe in der Mittagshitze im Schatten ausgeruht haben. Wie schön es war, dass wir nach unserer Delhi-Belly in Rajasthan wieder alles essen konnten was wir wollten. Und wie sagenhaft es wieder geschmeckt hat. Das besondere Gefühl wieder gesund zu sein – ich hab mich damals gefühlt wie neu geboren.

Mit Seeigel, Baby-Tintenfisch und Krabbe bin ich dann vorfreudig zurück zum Restaurant stolziert und habe mich gefragt, was die Köchin mir nun daraus kredenzen würde. Der Finne neben mir am Tisch staunte nicht schlecht, als ich ihm erzählte was ich mir ausgesucht hatte.

Der Babytintenfisch wurde roh als Sashimi in Sesamöl mit Sesam serviert. Verdutzt blickte ich in die kleine Schale vor mir. „Der lebt ja noch!“ Jedenfalls bewegten sich seine Kraken noch, obwohl sie zerteilt waren. Bei meinem ersten Versuch einen der Arme mit den Stäbchen aus der Schale zu fischen, saugte er sich vehement am Schalenrand fest. Das war mir dann doch etwas zu abgefahren und ich begann das Gurkenkimchi zu essen, dass dazu gereicht wurde, bis sich meine Vorspeise aufhörte zu bewegen. Das orangefarbene Innere des Seeigels – laut dem finnischen Tischnachbarn einst die Leibspeise Picassos – schmeckte leicht salzig nach Meerwasser, hatte eine ähnliche Konsistenz wie Fischrogen und war in einem Haps verputzt. Jetzt hab ich auch endlich mal einen Seeigel gegessen!

Und schon kommt der Hauptgang: Gedämpfte Krabbe. Die Köchin zerschneidet sie gekonnt mit der Haushaltsschere in mundgerechte Teile, sodass ich mich ganz einfach mit Stäbchen und Händen ans Werk machen kann. Das Krabbenfleisch schmeckt zart und saftig. Ich dippe es in Sojasauce und ein wenig Wasabi. Dazu trinke ich grünen süßen Pflaumenwein, den mir der Finne empfohlen hat. Die Sonne scheint in die kleine enge Gasse genau auf meinen Tisch. Ich sitze zwischen Bierkästen, höre den Küchengeräuschen und dem entfernten Markttreiben zu, die Männerrunde hinter mir prostet sich immer wieder beseelt zu, die Mädels neben mir aus Macao schießen Selfies mit ihrer Königskrabbe und ich freue mich über diesen ganz besonderen Moment, indem ich mich alles andere als alleine fühle.

Falls du mal nach Seoul kommen solltest – und du solltest unbedingt, das ist ganz klar – dann geh auf jeden Fall zum Noryangjin-Fischmarkt! Und wenn du dann ne´ Seegurke bestellst, geb ich sie dir aus.

Du hast mich gefragt, wie es in Seoul ist und ob es sich deutlich von Tokio unterscheidet.

Seoul ist der Hammer. Gigantisch, bunt, voll, riesengroß, vielseitig, anstrengend und ganz anders als Tokio. Freunde von mir haben neulich gesagt es fühle sich an wie eine Mischung aus Tokio und Hongkong. Ich war zwar noch nicht in Hongkong, kann mir aber vorstellen, dass dieser Vergleich passt. Seoul hat zwar mit gut 10 Millionen Einwohnern ähnliche Dimensionen wie Tokio, ist aber rauer, roher, lauter und unperfekter. Die Südkoreaner sind sehr viel direkter und boxen sich auch gerne mal mit Ellenbogen durch´s Gewimmel. Das würde in Japan nie passieren, dazu sind die Japaner viel zu gesittet und höflich. Das bedeutet aber nicht, dass die Südkoreaner unhöflich wären. Nein, sie sind freundlich und hilfsbereit, nur eben anders als die Japaner.

Nachdem ich in Japan die ganze Zeit mit Samthandschuhen angefasst wurde, brauchte ich einfach nur ein paar Tage um mich daran zu gewöhnen und jetzt find ich´s großartig. Irgendwer hat neulich gesagt, die Südkoreaner wären die Lateinamerikaner Asiens. Ich finde das trifft es ganz gut, obwohl ich kein Schubladen-Denker bin. Das Einordnen hilft aber sich in der Fremde zurecht zu finden.

Trotzdem ist Seoul verglichen zu unseren Asien-Reisen extrem entspannt. Das Klima im Frühling ist total angenehm (19–25 °C), man findet sich mit der U-Bahn super zurecht, fast überall gibt es offenes Wifi, man kann ohne Bedenken essen und trinken was man will und es ist sehr sicher hier. Mit Englisch kommt man, wie auch in Japan, allerdings nicht besonders weit. Aber mit Händen, Füßen und einem Lachen im Gesicht, klappt´s immer!

Verglichen zu Japan ist Südkorea deutlich günstiger. Du alter Sparfuchs würdest es hier wahrscheinlich entspannter finden, wobei man auch in Japan verhältnismäßig günstig Reisen kann, wenn man will. Natürlich sprechen wir von anderen Dimensionen als in Vietnam oder Indien, aber mittlerweile sich wir ja groß und können uns das leisten ;)

Wenn du mich jetzt nach einer Empfehlung fragst: Japan oder Südkorea? Schwer zu beantworten. Ich habe zwar nur Seoul gesehen, kann mir aber vorstellen, dass dir Südkorea besser gefallen würde.

Mir persönlich haben beide Länder gut gefallen, sie sind einfach unvergleichbar. Von Südkorea hätte ich gerne noch mehr gesehen, aber nach den vielen Ortswechseln in Japan war mir mal danach, für einen Ort richtig viel Zeit zu haben. Anfangs hatte ich noch den Plan auf die Insel Jeju zu fahren. Alle schwärmen davon. Hach, und der Rest Südkoreas soll auch traumhaft sein. Aber man kann eben nicht alles machen. Von dieser Vorstellung habe ich mich schon lange verabschiedet. Ich genieße jetzt mein letztes Wochenende in Seoul, freue mich auf zwei weitere Tage in Tokio und dann wieder: BERLIN!

Lass uns bald mal wieder ein Bibimbap zusammen essen gehen! Oder warst du schon mal auf den Thaiwiesen? Da müsste doch jetzt das richtige Wetter für sein. Ach was, schneit es etwa immer noch? Ach, mach dir keine Sorgen. Ich bring den Frühling mit nach Berlin!

Bis dann
Ariane

Kulinarische Reisepost aus Japan

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Im Oktober 2013 ist mein Buch »Foodblogs und ihre besten Rezepte« im Hädecke Verlag erschienen.



Gourmand World Cookbook Award Winner 2014 for Germany. Category »Blog«.



48 kulinarische Erzählungen und Rezepte von 12 deutschsprachigen Foodblogger/innen. Nachgekocht, fotografiert und genussvoll verzehrt von Ariane Bille. Konzipiert und kreiert als Buch, App und Blog.


Vice Content Network

»Das Buch bringt viele Perspektiven zusammen und kommt so der kulinarischen Bewegung im Web erstaunlich nahe – ihren Protagonisten und Motiven, der Kochlust samt Rezepten.« Valentinas-Kochbuch



Mizzis Küchenblock | Der Genussblog von Hädecke