Kulinarische Momentaufnahmen
Sunday, 27. December 2015 - von Ariane

Momentaufnahmen 2015 Teil 1: Lost in Corvo

Weihnachten liegt hinter uns, die letzten Tage des Jahres kündigen sich an.
2015 war für mich ein ganz besonders turbulentes Jahr voller Überraschungen und Reisen. Meine schönsten, skurrilsten, genussvollsten und bewegendsten Momente folgen nun in einer kleinen Jahresrückblicks-Reihe. Von einsamen Azoreninseln, Fernsehteams auf erloschenen Vulkankratern, einer Fast-Verlobung und einem kuriosen Tinder-Date, erzähle ich im ersten Teil:

Lost in Corvo

Die Azoren sind im Winter ein eher außergewöhnliches Ziel für Touristen. Das bekannte Azorenhoch bedeutet nicht, dass die portugiesischen Atlantikinseln von der Sonne verwöhnt sind. Raues wechselhaftes Wetter, dichte Wolkendecken und Stürme sind eher an der Tagesordnung. Dafür warten neun einsame, fast verlassene Inseln, spiegelglatte Vulkankraterseen und märchenhafte Wasserfall-Landschaften darauf, entdeckt zu werden. Wenn man Glück hat, scheint aber auch jeden Tag die Sonne vom Himmel – die Azoren sind immer für eine Überraschung zu haben!

Überrascht sind meine Freundin Luisa und ich auch, als wir Ende Januar 2015 bei strahlendem Sonnenschein auf der kleinsten, nur 17 Quadratkilometer großen, bewohnten Insel der Azoren festsitzen. Corvo heißt die 500 Seelen-Insel, und niemand kann uns sagen, wann uns das nächste Boot abholen wird. Von zu hohem Wellengang ist die Rede. Wellen sind allerdings weit und breit nicht zu sehen …

Zum Glück nimmt uns Fernando in seiner Pension auf. Er zeigt uns seine Insel Corvo, die er wie seine Westentasche kennt. Wir sammeln Lapas, Neuseelandspinat und Wildkräuter, wandern auf saftgrünen Wiesen mit Blick auf den azurblauen Ozean und kochen jeden Abend gemeinsam frischen Fisch. Zum Nachtisch spielt Fernando für uns auf seiner Gitarre und achtet darauf, dass unsere Weingläser nie leer werden. Irgendwas gibt es immer zu erzählen, auch wenn ich wenig davon verstehe. Fernando spricht nämlich nur Portugiesisch.

Nach zwei Tagen isoliertem Inselleben, haben wir das Gefühl, jeden Insulaner und auch jeden Grashalm Corvos zu kennen. Viel gibt es für uns auf der Mini-Insel nicht zu tun, aber Fernando sorgt dafür, dass uns nicht langweilig wird. Zwischendurch werden wir, als erste und einzige Touristen in diesem Jahr, auf dem erloschenen Vulkankrater Monte Gordo von einem portugiesischen Fernsehteam gefilmt. Fernando und Luisa versuchen mich, aus einer Weinlaune heraus, hartnäckig aber erfolglos mit Fernandos Sohn Nuno zu verkuppeln. Und wir lernen Eduardo, einen Ethnologen von den Kapverden kennen, der die Insel erforscht und uns von einem Film erzählt, der hier auf Corvo gedreht wurde. Unser Pensionszimmer, mir Blick auf´s Meer, ist einer der zentralen Drehorte der Dokumentation.

Das wir mit dem Schiff Corvo jemals wieder verlassen werden, geben wir nach ein paar Tagen auf und buchen einen Flug. Am Tag unseres Weiterflugs zur nächsten Insel Faial, kommt es dann natürlich: Das Schlauchboot. Soll das ein Witz sein? Wir steigen lieber mit den drei anderen Passagieren in das Mini-Flugzeug, und verabschieden uns von dieser verrückten Insel und seinen Bewohnern, die ich direkt in mein Herz geschlossen habe.

Ich werde diese seltsam schönen Tage auf Corvo nie vergessen. Die aufgeschlossene Herzlichkeit, mit der uns Fernando aufgenommen hat, und das Gefühl, für kurze Zeit eine kleine neue Inselfamilie zu haben, waren einzigartig uns skurril zugleich.

Doch auch zurück in Berlin lässt Corvo uns nicht los. Erst meldet sich der portugiesische Ex von Luisa, seit Jahren zum ersten Mal, mit einem Link zu einer Fernsehsendung: „Was machst du auf einem Vulkan im portugiesischen Fernsehen?“ – wir hatten schon völlig vergessen, dass wir gefilmt wurden!
Dann bekomme ich ein paar Monate später einen langen Brief von Eduardo geschickt, dem der Dokumentarfilm über Corvo beiliegt. Und dann entdecken Luisa und ich neulich beim Weinlaunen-Tindern, dass da ein Kerl mit Fernando bei Facebook befreundet ist. DER Fernando aus Corvo! Die Welt ist klein

It´s a Match! Ein paar Tage später treffe ich mich mit Dídio in Neukölln auf einen Kaffee. Es stellt sich heraus, dass er der Kameramann des Films ist, den mir Eduardo geschickt hat. Kneift mich mal jemand? Haben all diese Zufälle eine tiefere Bedeutung?

Für die Liebe jedenfalls nicht. Aber die Aneinanderreihung an seltsamen Ereignissen ist absolut verrückt! So, wie das Leben …

Habt ihr auch schon mal so viele Zufälle auf einmal erlebt?

Im nächsten Teil meines Jahresrückblicks erzähle ich von meiner Sommerliebe: Lissabon.

Im Oktober 2013 ist mein Buch »Foodblogs und ihre besten Rezepte« im Hädecke Verlag erschienen.



Gourmand World Cookbook Award Winner 2014 for Germany. Category »Blog«.



48 kulinarische Erzählungen und Rezepte von 12 deutschsprachigen Foodblogger/innen. Nachgekocht, fotografiert und genussvoll verzehrt von Ariane Bille. Konzipiert und kreiert als Buch, App und Blog.


Vice Content Network

»Das Buch bringt viele Perspektiven zusammen und kommt so der kulinarischen Bewegung im Web erstaunlich nahe – ihren Protagonisten und Motiven, der Kochlust samt Rezepten.« Valentinas-Kochbuch



Mizzis Küchenblock | Der Genussblog von Hädecke