Kulinarische Momentaufnahmen
Monday, 28. December 2015 - von Ariane

Momentaufnahmen 2015 Teil 2: Lissabon Alcântara. Eine Sommerliebe

2015 habe ich mir einen großen Traum erfüllt: Einen Sommer in Lissabon leben. Mein Herz wieder finden, dass ich bei meinem ersten Besuch im Januar dort verloren habe. Und meiner Sehnsucht auf den Grund gehen, die diese magische Stadt am Ende Europas in mir geweckt hat. Inspiration für neue Projekte sammeln. Über meinen Tellerrand blicken und die Perspektive ändern.

Im Mai packte ich meine sieben Sachen. Ohne ein Wort Portugiesisch zu sprechen, stieg in´s Flugzeug nach Lissabon. Alles war offen. Ich wusste nur, dass ich den Sommer über hier bleiben würde. Meine Wohnung lag in Alcântara, ganz nah am Tejo, fast unter der Ponte 25 de Abril.

Mein Leben hier war ganz anders als ich es mir erträumt habe. Alcântara ist nicht das romantische, hübsch herausgeputzte Postkarten-Lissabon. Alcântara ist ein Stadtteil mit Ecken und Kanten. Man sieht hier ganz deutlich den Verfall der Stadt: Die verlassenen Häuser und Ruinen, in dessen Renovierung wegen der Wirtschaftskrise kein Geld mehr gesteckt wird. Die Realität der Armut und Arbeitslosigkeit.

Jeden Tag blickte ich auf den 3,2 km langen Brückenzug der Brücke des 25. April, die der Golden Gate Bridge sehr ähnlich ist. Das monotone Summen der sechsspurigen Autobahn begleitete mich den ganzen Tag, wie ein Hummelnest. Und dann waren da noch die Flugzeuge, die schon in den frühen Morgenstunden, über meinem Dach, die letzten Kilometer des Landeanflugs hinter sich zurücklegten.

Alcântara liegt direkt in der Einflugschneise. Aber Alcântara ist nicht hässlich. Alcântara ist ein Kiez mit Charakter und Esprit. Ich mag diesen morbiden, verfallenen Charme an Städten. Weil ich hier die ungeschminkte Realität sehe. Und weil sich hier nicht überall Touristenmassen durch die schmalen Gassen quetschen.

Ich musste Alcântara und mir Zeit geben, bis ich die ganz eigene Schönheit des Stadtteils entdeckt habe. Alle meine Lieblingsorte habe ich unten aufgelistet.

Was ist aus meinem Traum geworden? Habe ich mein Herz wieder gefunden? Und was hatte es mit der Sehnsucht auf sich?

„Wir lassen etwas zurück, wenn wir einen Ort verlassen, wir bleiben dort, obgleich wir wegfahren. […] Und es gibt Dinge an uns, die wir nur dadurch wiederfinden können, dass wir dorthin zurückkehren […] Wir fahren an uns heran, reisen zu uns selbst, wenn uns das monotone Klopfen der Räder einen Ort entgegenträgt, wo wir eine Wegstrecke unseres Lebens zurückgelegt haben, wie kurz sie auch gewesen sein mag.“ Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe

Eine bessere Antwort auf diese Fragen gibt es nicht. Jeder Versuch, sie anders zu beantworten, verwirrt mich. Deswegen belasse ich es dabei, und freue mich über die Zeit, die ich in Lissabon verbracht habe, und auf die, die noch kommen wird …

Meine Lieblingsorte in Alcântara

Park und Aussichtspunkt: Tapada das Necessidades
Was wäre Lissabon ohne seine vielen Parks und Miradouros? In Lissabon gibt es zahlreiche Plätze und Parks, in denen man im Schatten der Palmen rasten und sich vor der heißen Sonne verstecken kann. Die Lisboetas, wie sich die Einheimischen nennen, verbringen hier ihre Mittagspause und an Wochenenden trifft man sich zum Picknick mit Freunden und Familie. Der Eingang des Parks ist etwas versteckt, davor befindet sich ein schöner Miradouro (Aussichtspunkt) mit Blick auf die Ponte 25 de Abril und den Tejo. Ich könnte hier Stunden verbringen …

Essen und Einkaufen: LX Factory
Ein zehnminütiger Fußweg von meiner ehemaligen Wohnung führt mich direkt ins kreative Herz Lissabons. In der 23.000 Quadratmeter großen ehemaligen Stofffabrik, reihen sich Cafés, Restaurants, Galerien, Ateliers, Studios, Designshops sowie Vintage- und Secondhandläden aneinander. Alle Läden hauen mich nicht um – ich bin eben berlinverwöhnt – aber der mehrstöckige Buchladen, in dem man, zwischen bis zur decke gestapelten Büchern, seinen Galão genießen kann, ist jede Reise wert!

  • Rua Rodrigues Faria 103, 1300-501 Lissabon

Eis: Gelato Artisani
Was wäre eine Wohnung nur ohne eine gute Eisdiele um die Ecke? Gelato Artisani befindet sich direkt an den Ufern des Tejos und verkauft handgemachtes italienisches Eis. Die Preise für gutes Eis sind hier in Lissabon etwas höher, 1 Kugel kostet mindestens 2,50 €. Dafür kann man aber zwei Sorten auswählen und die sind jeden Cent wert. Versprochen. Meine Lieblingskombi: Morango (Erdbeere) und Tarte de limão. Mmmmmmhh …
Und mit der Eistüte in der Hand kann man dann wunderbar an den vielen (mir zu touristischen) Restaurants unter der Brücke Richtung Belém entlang schlendern.

  • Doca de Santo Amaro, 1350-353 Lissabon

Essen: Alcântara 50
Zwei Häuser weiter, direkt in der Straße meiner Wohnung, befindet sich eine kulinarische Perle, die man hier gar nicht erwarten würde. Der Inhaber Filomeno Nogueira kocht traditionell Portugiesisch und liebt den Plausch mit seinen Kunden.

  • Rua Vieira da Silva 50, 1350 Lissabon

Cervejaria Restaurante Palácio

In dieser typisch portugiesischen Cervejaria gibt´s himmlisch frischen Fisch, Fußball und Bier:

  • Rua Prior do Crato 142, 1350 Lissabon

Im Oktober 2013 ist mein Buch »Foodblogs und ihre besten Rezepte« im Hädecke Verlag erschienen.



Gourmand World Cookbook Award Winner 2014 for Germany. Category »Blog«.



48 kulinarische Erzählungen und Rezepte von 12 deutschsprachigen Foodblogger/innen. Nachgekocht, fotografiert und genussvoll verzehrt von Ariane Bille. Konzipiert und kreiert als Buch, App und Blog.


Vice Content Network

»Das Buch bringt viele Perspektiven zusammen und kommt so der kulinarischen Bewegung im Web erstaunlich nahe – ihren Protagonisten und Motiven, der Kochlust samt Rezepten.« Valentinas-Kochbuch



Mizzis Küchenblock | Der Genussblog von Hädecke