Kulinarische Momentaufnahmen
Tuesday, 11. May 2010 - von Ariane

Pollo Inglese di Wiesn – Rettet das Mittagessen

Zu Besuch in der Heimat habe ich wieder die elterliche Küche belagert, um das von Zorra ausgewählte Rezept vom Mittagesser nachzukochen: Pollo Inglese di Wiesn.

Allein der Name machte mir Lust! Ein italienisches Rezept, geschrieben von einem Briten und nachgekocht im Bayernland von Sebastian Dickhaut.

“Suppenhuhn Inglese di Wiesn” –  so nennt meine Mutter meine Interpretation des Rezepts. Es war ein Reinfall (aus meinen Augen… es gibt da andere Stimmen), wer Schuld hat muss ich noch herausfinden.

Das Unglück begann am Freitag Morgen auf dem Erkrather Wochenmarkt: Geldbeutel vergessen. Also noch mal nach Hause und wieder zurück. Das Huhn hatte mir die Verkäuferin schon zurückgelegt. Ich wollte ein 1,5 kg schweres Bio-Huhn, so stands auch im Rezept. Das kleinste Huhn war 3 kg schwer, ausserdem gabs noch Hähnchen (die waren kleiner und leichter). Aber weil im Rezept Hühnchen bzw. Hendl stand, dachte ich ein Hähnchen wäre falsch und beharrte auf das Hühnchen. Die ganze Familie sollte bekocht werden, deswegen kam mir das große Huhn gerade gelegen.

Zu Hause angekommen, präsentierte ich stolz das nackte Huhn. “Is aber´n großes Brathähnchen” brummte mein Vater. “Sieht nach Suppenhuhn aus” kreischte meine Mutter entsetzt. “Viel zu teuer für ein Suppenhuhn, ich hab 15 Euro dafür bezahlt!” verteidigte ich mich empört. Wir einigten uns darauf, dass ich eine Poularde gekauft hatte.

“Auch nicht schlimm…”, dachte ich, “…so werden wenigstens alle satt.” Die nächste Aktion war das Zerlegen. Das Huhn (oder was immer es wirklich war) war viel störrischer, ich musste (zu) viel Gewalt anwenden. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich noch nie ein Huhn zerlegt habe. Berührungsängste hatte ich überhaupt keine, aber die Kraft und richtige Technik fehlte mir, obwohl Sebastian es in seinem Rezept ganz gut beschrieben hatte. Aber er hatte auch einen kleinen Assistenten…

Bevor ich fast erschöpft aufgab, rettete mich meine eigene Assistentin: Meine Mama. Sie zerlegte das Huhn gekonnt und ich durfte es endlich in die mit Gemüse ausgelegten Bräter legen. (Weil das Huhn so groß war musste ich mit zwei Formen arbeiten).

Satte drei Stunden brutzelte das zerlegte Huhn mit Deckel im Ofen, die letzten 30 Minuten durfte es ohne Deckel bräunen.

Am Boden des Bräters bildete sich ein süßlicher Sud aus Gemüse (Mangold, Petersilienwurzel, Fenchel, Stangensellerie, rote Zwiebeln, Möhren, Knoblauch) zusammen mit Olivenöl und Weißwein. Ich muss sagen: Das Gemüse war das Beste!

Das Huhn war leider zu zäh. Nach dem Essen habe ich die Reste noch eine weitere Stunde in den Ofen geschoben, bis es endlich durch war. Meine Mutter vermutet, dass mir auf dem Markt ein Suppenhuhn angedreht wurde, wobei das preislich Wucher wäre! Hätte ich Sebastians Artikel zur  “Wiesnhendlbegeisterung” gelesen, wäre mir dieser Fauxpas sicher nicht passiert. Ich nehms aber leicht, schließlich habe ich wieder was dazu gelernt!

Vielleicht kann einer von euch anhand des Fotos erkennen, was ich da gekauft habe. Das würde mich brennend interessieren!

Trotz des Reinfalls kann ich das Gericht weiterempfehlen, man sollte sich einfach ans Rezept von Sebastian halten.

Kommentare

  1. dorisa - 12. May 2010 at 08:43

    Lecker schaut es dennoch aus. Ich glaube, meine nächste Anschaffung ist ein Bräter …

  2. Eline - 12. May 2010 at 09:49

    Das ist ein knochiges, sehr erwachsenes Huhn. 15 EUR sind dafür unverschämt.
    Trotzdem sollte es nach 3 Stunden bei 200 Grad zerfallen. Ich vermute mal, dass du einen sehr dickwandigen Bräter genommen hast und vielleicht das Backrohr nicht vorgeheizt? Da vergeht – auch mit der dicken Gemüseschicht schnell mal eine gute Stunde zum Erhitzen des Inhalts. Ein zartes Huhn (Hähnchen, Hühnchen , ist egal) ist, in Teile zerlegt, in 30 bis 40 Minuten gar.

  3. Ariane - 12. May 2010 at 11:00

    Dorisa: Ein Bräter steht auch auf meiner Haushaltsgeräte-Liste, ich habe ja den von meinen Eltern benutzt. Ein schönes Stück, ich glaube er ist noch von meiner Nürnberger-Oma…

  4. Ariane - 12. May 2010 at 11:04

    Eline: Das finde ich auch unangebracht… 15 Euro für ein altes Huhn. Vielleicht habe ich den Ofen nicht lange genug vorgeheizt… jedenfalls war mein Huhn eher trocken und ist nicht annähernd auseinander gefallen. Ich versuche mein Glück noch mal mit einem zarten Huhn!

  5. Claus - 12. May 2010 at 14:10

    Ich hatte auch schon mal so´n Gummiadler, der hatte einen Zettel im Bauch, darauf stand:

    “Greife im Morgengrauen an!

    gez. Napoleon”

    Mach dir nix draus ;-)

  6. Sebastian Dickhaut - 12. May 2010 at 17:33

    Naja, Ariane, am Ende schaut es aber schon sehr gut aus. Am Anfang leider nicht, ich würde mal auf ein übergeschlechtsreifes und vom Eierlegen ausgezehrtes Suppenhuhn tippen, auch wegen der Mühe beim Zerteilen – Poularde war es wohl keine.

    Dass ich mit dem Festhalten am Begriff Huhn für Unklarheit sorgte, tut mir leid. Heutzutage und an normalen Einkaufsorten ist es eigentlich wurscht, ob’s Huhn, Hahn, Hähnchen oder Hendl heißt, da es am Ende meist das Gleiche im Ergebnis ist (Manufaktumjünger bitte weghören). Ab 2 kg wird es kritisch, da ist das Huhn einfach zu ausgewachsen für diese Methode, so dass sein Fleisch zwar kraftvoll schmeckt, die Fasern es aber ebenso sind – zum langen Schmoren wäre das fein.

    Zu Überlegen wäre auch noch, ob der geschlossene Deckel geschadet hat, aber bei 3 Stunden geht es natürlich nicht anders. Zumindest weiß ich jetzt, was ich kochen würde, wenn ich mir vorstellen sollte, das Ariane von Kulinarischen Momentaufnahmen mal zum Mittagessen vorbeikäme.

  7. Ariane - 12. May 2010 at 18:04

    Claus: Gummiadler ist genau der richtige Name. Muss ich mir merken :-)

    Sebastian: Stimmt, fürs Foto hats noch gereicht! Auf den Bildern schaut das Huhn auch viel besser aus, als es geschmeckt hat.
    Du hast gar nicht für Unklarheiten gesorgt, ich wollte nur alles richtig machen und habe mich an den Begriff Huhn geklammert. Gut zu wissen, dass man es damit nicht so genau nehmen muss! Das nächste mal achte ich auf die Größe des Huhns.
    Ich würde gerne wissen wie das Huhn schmeckt, wenn es der Mittagesser kocht! Wer weiß, vielleicht verschlägt es mich bald mal in den Süden…

  8. ralf - 12. May 2010 at 23:15

    Gummiadler gab’s 1970 in Nürnberg im Wiener Wald

  9. zorra - 13. May 2010 at 13:39

    Ich denke auch dass du ein Suppenhuhn erwischt hast. Die kosten übrigens in Spanien mehr als “normale” Hühner. Preis wäre hier also kein Wucher. ;-) Aussehen tut’s allemal lecker.

  10. Ariane - 13. May 2010 at 19:08

    Ralf: Wieder Wald in Nünberg??? Ist das ne Gaststätte?
    Zorra: Ja, meistens haben Mütter rechts ;-)
    Komisch, dass Suppenhühner in Spanien teurer als normale Hühner sind… schmecken die auch besser?

  11. ralf - 14. May 2010 at 10:31

    war ne Hendl-Kette, sozusagen ein frühes Mc-Huhn.

  12. Ariane - 14. May 2010 at 10:39

    Hier in Berlin gibt´s Broiler-Häuser

  13. Lilli - 14. May 2010 at 15:45

    …und das Suppn-Huhn di Wiesn hat so lecker geduftet und ausgesehn und auch geschmeckt (nur eben etwas fest)…es war tatsächlich eins! Macht nüscht, aus Erfahrung wird man klug und erweitert seinen Horizont. Die Reste fix vom Knochen gelesen, 2 ältliche Orangen in die restliche Sauce gepresst und fertig war nochmal ein köstliches Hühnerklein. Dazu Zitronen-Ingwermöhrchen. Und dem Urheber des Rezepts jagt’s Hühnerhaut über den Rücken ob der schamlosen Verfälschung? Tschuldigung, das ist rheinländische Resteverwertung…

  14. Sebastian Dickhaut - 14. May 2010 at 17:08

    Klingt klasse, Lilli. Vielleicht ist das Suppenhuhn teurer, weil’s länger lebt und frisst? Wobei es da auch Unterschiede gibt, für die einen ist es einfach nur ein Vieh, dass nicht mal mehr zum Eierlegen taugt, für die anderen ein lange mit feinen Dingen hochgepäppeltes Wesen, das zum Beispiel in einem erstklassigen Coq au vin enden kann.

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