Kulinarische Momentaufnahmen
Wednesday, 26. August 2015 - von Ariane

Porto: Unbekannte Schöne im Norden Portugals

[Gastbeitrag von Konni] Jetzt bin ich also wirklich da. Porto – jahrelang habe ich davon geträumt eine Reise nach Portugal zu machen und von Porto nach Lissabon zu reisen. Eine unbestimmte Sehnsucht war damit verknüpft und jetzt bin ich tatsächlich hier und fahre am späten Nachmittag vom Flughafen mit der Metro in diese alte, fast 2000 Jahre alte Stadt im Norden des Landes. Ich bin neugierig angespannt und versuche mir klarzumachen, dass das jetzt gerade wirklich passiert. Ich freu’ mich. Es ist trüb, kühl (es ist der 4. Juni) und die Landschaft leuchtet grün und saftig.

Die Menschen sind freundlich und sehr hilfsbereit
. In der Metro am Kassenautomaten erklärt uns ein geduldiger Portugiese, welches Ticket man ziehen muss und dass es wiederaufladbar ist. Es ist Donnerstag, zu den Backpackern aus dem Flieger gesellen sich Bewohner dieser Stadt aus allen Gesellschaftsschichten. Ich mustere einige, versuche zu erraten was sie antreibt, warum sie hier sind, erhasche ungewohnte Gerüche. Ich mag das, und ein erstes Analyseprogramm wird in meinem Gehirn abgespult. Aber halt. Viel zu früh!

Ich reise mit Herrn R, meinem langjährig tapferen Begleiter. Wir müssen an der Station Campo 24 de Agosto raus. Mir fällt auf, dass die meisten Bahnhöfe der Linie E völlig neu oder frisch saniert aussehen. Innovative, moderne Architektur, statt Protz gediegenes Understatement und mit dem traditionellen Baustoff Azulejos. Damit konnte Portugal zur Expo 1998 und der Fußball Europameisterschaft 2004 als Gastgeber glänzen. Gut gemacht, täuscht aber möglicherweise über Einiges hinweg.

Wir wohnen im ärmeren Osten der Stadt in einem airbnb. Es ist ein liebevoll und charmant eingerichtetes, DIY-saniertes Stadthaus aus dem 17. Jahrhundert, in dem wir unser riesiges Zimmer beziehen. So viel Stil haben wir zu dem Preis nicht erwartet.
Wir fühlen uns sofort wohl und sehr herzlich aufgenommen. airbnb Vermietung ist hier eine sehr beliebte Nebenverdienstquelle, wenn nicht sogar Hauptverdienstmöglichkeit für viele junge Portugiesen, die vor der Wirtschaftskrise nicht kapitulieren wollen. Man sieht, dass hier mit Traditionsbewusstsein und Talent für gutes Design unglaublich kreative Geschäftsmodelle umgesetzt werden. Und dafür wird hier im Norden des Landes hart und viel gearbeitet.

Ich habe das Gefühl direkt am Meer zu sein, obwohl der Atlantik noch 2 km entfernt ist. Noch nie habe ich mitten in einer Stadt so viel Möwengeschrei gehört. Das und der altmodische, abgeblätterte und marode Charme machen wohl auch die Atmosphäre in dieser alten Handelsstadt am Douro aus.

Handel, Schiffsbau, Entdeckungsfahrten und der Portweinhandel machten Porto berühmt.

Und deswegen bin ich hier: Zum Entdecken. In der Antike hieß der Ort noch CALE, griechisch für „schön“, wozu später PORTUS („Hafen“) kam.

Von Portus-Cale wurde dann der Name des ganzen Landes abgeleitet.

Wir laufen in der Dämmerung in die Stadt und bestaunen ungläubig, wieviel hier tatsächlich gekachelt ist. Offensichtlich wurde und wird hier seit der Zeit der Mauren in fast allen Epochen gefliest, was das Zeug hält. Sie sind allgegenwärtig und schmücken U-Bahnen, Kirchenschiffe, Treppenhäuser, Restaurants und Läden, Schlafgemächer …

Brasilianische Auswanderer perfektionierten im 19. Jahrhundert die Herstellung. Fliesen wurden zum traditionellen Werkstoff und Portugiesen lieben und pflegen ihre Traditionen. Der Bahnhof São Bento ist in Porto eines der schönsten Beispiele der 1930er Jahre: Angeblich schmücken 20 000 Kacheln die Halle.

Übermüdet saugen wir die Atmosphäre auf, die die holprigen Straßen in diesem unwirklichen, gelben Licht der Straßenlaternen in der beginnenden Dämmerung haben. Es zieht uns in Richtung Douro und zur Ribeira, der historischen Altstadt. Wir stolpern durch verfallene, enge Gassen und abgewetzte Treppen, bis uns der Anblick einer gigantischen Stahlkonstruktion in ihren Bann zieht.

Es ist die Brücke Ponte Dom Luis I von 1886, ein Gigant aus der Ära des beginnenden Industriezeitalters. Wie ein quergelegter Eiffelturm hat die Silhouette der Brücke vor dem Lichtschein der Altstadt etwas Mystisches. Die Neonschriftzüge der bekannten Portweinkeller am gegenüberliegenden Ufer in Gaia, der Neustadt, leuchten verheißungsvoll und spiegeln sich im träge dahinfließenden Douro.

Die Zeit scheint stillzustehen, ich genieße dieses Gefühl, Vergangenheit und Gegenwart scheinen sich hier zu verbinden und feuern meine Phantasie an.

Entdecker starteten von hier aus über weite Meere … wabert hier wirklich der alte Esprit durch die steilen Stadtschluchten, oder ist das hineininterpretierte Romantik?

Wir haben Hunger, es ist schon nach 22 Uhr und entern ein Fisch-Restaurant direkt am Ufer und sind die letzten Gäste. Tagsüber wäre es uns hier wahrscheinlich zu touristisch gewesen, aber jetzt gefällt es uns in diesem engen, alten Gemäuer. Der optisch etwas skurrile Ober entpuppt sich als Entertainer und ist auf eine fast unheimliche Art zuvorkommend. Das passt perfekt zu unserer Stimmung und er kredenzt uns zu später Stunde unseren ersten Portwein des Tages. Der geht süß und ölig runter und versetzt uns in eine wohlige, euphorische  Entspannung. Das Essen ist in Ordnung, aber nicht besonders erwähnenswert.

Wie Teenies, die zum ersten Mal ohne Eltern die Fremde entdecken, stromern wir noch fast 2 Stunden kreuz und quer durch die allmählich menschenleere Stadt und fallen total spät in unser großes, historisches Bett.

Freut euch auf den nächsten Teil meiner Entdeckungstour durch Porto: Ich schlendere über den Mercado do Bolhão und mache einen kulinarischen Spaziergang durch Porto. Der Foodie-Himmel auf Erden!

Andere Gastbeitäge von Konni

Im Oktober 2013 ist mein Buch »Foodblogs und ihre besten Rezepte« im Hädecke Verlag erschienen.



Gourmand World Cookbook Award Winner 2014 for Germany. Category »Blog«.



48 kulinarische Erzählungen und Rezepte von 12 deutschsprachigen Foodblogger/innen. Nachgekocht, fotografiert und genussvoll verzehrt von Ariane Bille. Konzipiert und kreiert als Buch, App und Blog.


Vice Content Network

»Das Buch bringt viele Perspektiven zusammen und kommt so der kulinarischen Bewegung im Web erstaunlich nahe – ihren Protagonisten und Motiven, der Kochlust samt Rezepten.« Valentinas-Kochbuch



Mizzis Küchenblock | Der Genussblog von Hädecke